Wieviel Multikulti steckt in Deutschland?

„Komm’, lass uns schnell noch einen Döner beim Türken an der Ecke holen!“ hört man hierzulande oft oder „Wir waren beim Italiener, als Dessert gab’s Tiramisu.“ oder „Griechischer Wein ist so wie das Blut der Erde. Komm’, schenk dir ein….“ Laut einer Studie vom Institut für Demoskopie in Allensbach essen 51% der Deutschen am allerliebsten ausländische Küche. Auf Platz Eins steht Italienisch, gefolgt von Chinesisch und Griechisch. Schaut man sich in Einkaufspassagen der deutschen Innenstädte um, findet man diese Statistik auch bestätigt: es wimmelt von Asia Snackbuden, Pizzaständen und Thairestaurants. Und was ist mit all den Nagelstudios, die man dazwischen findet, in denen uns Koreanerinnen, Chinesinnen und Philippininnen fleißig die Hände und Füße massieren, die Nägel polieren und uns für die Party, den Geburtstag, den Businesstrip auf Vordermann bringen? Ja, und wer putzt eigentlich das riesen Haus da gegenüber, dass es einen schon von außen anglänzt, und wer kümmert sich eigentlich um Krethi und Pleti, wenn sie mal pflegedürftig sind? Heißt der nette Arzt von Hinz und Kunz nicht Dr. Muttardi?

Auf der einen Seite „Multikulti“, auf der anderen Seite „Deutschland“ ?

Wir sollten meinen, das Wort „Deutschland“ schließe all diese Menschen, die unser Land bereichern, mit ein. Das Adjektiv „multikulti“ dürfte eigentlich unnötig geworden sein. Diese zwei Worte sind aber bedauernswerter Weise längst nicht synonym, stehen meistens nur nebeneinander, als sei unser Land immer noch zweigeteilt: auf der einen Seite „Multikulti“, und auf der anderen Seite „Deutschland“.

Als halbwegs aufgeklärter, Erasmus-erfahrener, junger deutscher Bürger, der hier mal einen Last-Minute Kurztripp nach Istanbul bucht, und dort mal ein Wochenende in Berlin-Neukölln abhängt, um sich auf dem Tempelhof mit Amit und Laila zu sonnen und Falafel zu essen, kennt man Ausländerhass eigentlich nur aus der Zeitung oder dem Fernsehen. Man weiß: Rassisten gibt es. Aber man hört und sieht sie nicht.

Umso erschreckender ist es, wenn sie plötzlich vor einem sitzen. „Noch vier Jahre, dann ist es soweit! 67, das ist ’ne Schweinerei. Ich hab’s mit dem Rücken. Ich arbeite, seit ich 18 bin.“ sagte der eine und schob das letzte Stück seines frischen Brötchen in den Mund, während seine Frau Salz auf ihr hartgekochtes Ei streute und ihm eifrig beipflichtete „Jaja, ich sag dir: das sind die Ausländer! Die sind faul. Die arbeiten nicht. Die nehmen nur. Deshalb haben wir keine Rente.“ „Also“, mischte sich die Frau am Nachbartisch ein, indem sie die Stimme etwas senkte „ich bin da ganz ihrer Meinung!“ Prompt tat auch ihr Gatte seine Meinung kund, bevor er noch einen Kaffee bestellte: „Jaja, ich kenne das. Ich bin schon in Rente. Aber viel ist das nicht, sach’ ich Ihnen. Viel ist das nich’. Und wenn ich dann meinen Nachbarn sehe, der kommt aus Rumänien, der sitzt da nur herum in seiner Jogginghose und macht den ganzen Tag nix. Der ist soooo faul, das gibt’s nich’!“

Während ich – die ich mich zu der oben erwähnten Riege der jungen deutschen Bürger zähle – mir im Frühstücksraum eines Cuxhavener Gästehauses ausmalte, wie Helgoland wohl ausgesehen hätte, wäre es Hitler gelungen, seine Pläne zur Ausweitung der Seefestung auszuführen, konnte ich nicht umhin, mit halben Ohr der Konversation derjenigen zu folgen, die ich eher zu der Riege „Erasmus-unerfahrene, ältere deutsche Bürger“ zählen würde. Gebannt von der Exotik, die sich mir hier unerwartet bot – hier hatte ich es mit echten Rassisten zu tun – ließ ich meine Gedanken fallen, um dem Gespräch vollends zu lauschen und ab und an unbeobachtet auch mal hinüber zu sehen, denn ich traute ja meinen Ohren nicht:

„Schlimm“ hörte ich die Gesellschaft ihr Urteil über die Lage Deutschlands fällen, „und die Ausländer sind es schuld.“ Die Tatsache, dass sich meine dunklen Locken in alle Richtungen biegen und mein Aussehen wenig Zweifel daran lässt, dass zumindest ein Teil meiner Eltern nicht aus Deutschland kommt, führte dazu, dass ich mein Frühstück möglichst still verschlang und versuchte, dabei möglichst unsichtbar zu sein. Die Gesellschaft erhob sich, ein Herr wünschte noch „Schönen Tach’ allerseits“, und dann waren die Rassisten weg und ich atmete wieder auf.

Der Umstand, dass sich der ungarische Gasthausmitarbeiter einige Tage später beim Reichen des Kaffees vertrauensvoll an mich wendete und mich in eine politische Diskussion verstrickte und dabei herauskam, dass sein Vater in Budapest sehr viel Zeitung lese und „so seine Meinungen“ zum Thema „Juden“ habe, ja, dass er selbst eigentlich auch glaube, „die Juden“ seien an sehr viel Schuld und dass doch jedes Kleinkind wisse, dass „die Rothschilds das ganze Geld“ hätten…vor dem Hintergrund meines jüdischen Großvaters, der aus Budapest emigrierte und nach dem Krieg eine Französin ehelichte, deren jüngstes Kind wiederum einen Deutschen heiratete; vor dem Hintergrund auch der abenteuerlichen Revoluzzo-Geschichten, die mein Vater von den 68er Jahren zu erzählen hat und den Jahren (oder Jahrtausenden) des Deutschunterrichts, in denen Antisemitismus und Holocaust als scheinbar einzige Themen unsere jugendlichen Hirne zu beschäftigen hatten; UND vor dem Hintergrund des gerade eben erst überlebten Frühstücks-mit-Rassisten…das alles führte dazu, dass ich Cuxhaven nach einigen weiteren Urlaubstagen mehr nachdenklich als erholt wieder verließ und nun diesen Artikel schreibe und frage:

Wie asozial sind die Deutschen eigentlich?

Herzzerreißend sind Artikel wie der kürzlich in der FAZ erschienene mit dem Titel „Eine Million „Erasmus-Babys““. Darin heißt es, laut einer EU-Studie lernten 27 Prozent aller Erasmus-Studenten ihren Lebenspartner während ihres Erasmus-Aufenthaltes, also im Ausland kennen, was hochgerechnet eine Million „Erasmus-Babys“ in der EU bedeute. Was die Studie zwar nicht sagt, ist, ob sich der/die Erasmus-StudentIn in diesen Fällen in eine/n AusländerIn des entsprechenden Aufenthaltslandes verliebt hat – und damit auch nicht, ob sich die Erasmus-Studenten überhaupt mit dem Zielland auseinandergesetzt haben – aber zumindest zeigt sie, dass Menschen ins Ausland gehen und sich im Ausland in Ausländer verlieben.

Gegen die Hoffnung, die solche Studien für Fragen der Toleranz innerhalb der EU wecken und damit auch innerhalb Deutschlands, spricht die Tendenz in der deutschen Bevölkerung, der pauschalen Aussage zuzustimmen, es gäbe zu viele Ausländer in Deutschland. Laut Meinungsforschern, schreibt die ZEIT, seien es mehr als die Hälfte der Deutschen, die sich weniger Ausländer in Deutschland wünschen. Die neue Forsa-Umfrage zum Wahltrend bestätigt den Hang nach rechts: die rechtskonservative Partei AfD käme bei Bundestagswahlen auf 10 Prozent der Stimmen, direkt nach CDU/CSU (42 Prozent) und SPD (22 Prozent).

“Ausländer raus!” ?

In Deutschland leben heute schätzungsweise 7,6 Millionen Ausländer. Die meisten Zuwanderer kommen heutzutage aus den EU-Staaten Polen, Ungarn, Rumänien und Bulgarien. Die Journalisten Pitt von Bebenburg und Matthias Thieme haben in ihrem Buch „Deutschland ohne Ausländer – Ein Szenario“ das Szenario durchgespielt, was mit Deutschland passieren würde, würden wirklich alle „Ausländer raus“-gehen, wie sich manche so sehnlichst wünschen. Darin schreiben sie – laut der Rezension in der ZEIT – dass Deutschlands Pflegeeinrichtungen, die Flughäfen, die Gastronomie, das Reinigungsservice und die Automobilindustrie zusammenbrechen würden, weil in diesen Bereichen überdurchschnittlich viele Ausländer arbeiteten. Aber auch die Bankwirtschaft käme nicht ungeschoren davon: „Ein weiteres Beispiel“, schreibt ZEIT-Rezensentin Deniz Baspinar, „wäre die Bankwirtschaft, die international agiert und im mittleren und oberen Management besonders viele Ausländer beschäftigt. Eine Ausweisung von Ausländern hätte zur Folge, dass ganze Geschäftsbereiche in Deutschland aufgegeben werden müssten. Ausländische Banken würden ihre Filialen ganz schließen. All dies hätte enorme Auswirkungen auf die Kreditversorgung der deutschen Wirtschaft.
 Die wiederum ist gar nicht so rein deutsch wie man denkt. Aktiengesellschaften wie Daimler, Bayer oder E.On gehören mehrheitlich ausländischen Anlegern. Diese würden in einem solchen Szenario ihr Kapital zurückziehen, was einen Börsencrash zur Folge hätte.“

Ohne die recht anonyme Masse an Ausländern würde Deutschlands System also höchstwahrscheinlich kollabieren. Von dieser abgesehen gibt es aber auch prominente Beispiele für Integration und Erfolg.

Ein erfolgreiches Berufsleben- trotz oder mit Migrationshintergrund

Sibel Kekilli beispielsweise, deren türkischen Eltern in den 70er Jahren nach Deutschland einwanderten, ist seit ihrem Durchbruch mit dem Film „Gegen die Wand“ des ebenfalls türkisch-stämmigen Regisseurs Fatih Akin einem breiten Publikum bekannt und verkörperte zuletzt eine der Hauptcharaktere in der meistdiskutierten US-Serie „Game of Thrones“. Oder der 1947 in Teheran geborene Schriftsteller Said, der seit 1965 in München lebt und für sein literarisches Werk und politisches Engagement zahlreiche deutsche Ehrungen erhielt. Aber auch Zümrit Gülbay, die mit 28 Jahren die jüngste Professorin Deutschlands wurde, ist ein gutes Beispiel für ein erfolgreiches Berufsleben- trotz oder mit Migrationshintergrund. Gülbay kam mit zwei Jahren mit ihrer Familie aus der Türkei nach Deutschlands und wuchs in Berlin-Wedding auf. Sie studierte Rechts- und Wirtschaftswissenschaften an der Freien Universität Berlin, arbeitete als Rechtsanwältin und hat einen Lehrstuhl für Wirtschaftsrecht an der Hochschule Anhalt inne. Die Liste lässt sich ewig weiterspinnen: die Fußballer Sami Khedira und Mesut Özil, Grünen-Politiker Cem Özdemir oder die neue Tagesthemen Moderatorin Pinar Atalay.

All diese Beispiele könnten helfen, dass Bild des faulen „Ausländers“, der den „Deutschen“ auf der Tasche liegt, zu korrigieren. Allerdings haben Stereotypen wenig mit Wissen zu tun. Stereotypen sind irrational und entspringen unserer tiefgehegten Angst vor dem Fremden. Sie helfen uns, Ungerechtigkeit klar zu verorten und uns mit einfachen Antworten zu begnügen.

Ich persönlich bin jedenfalls froh, dass sehr viel Gutes in Deutschland steckt. Letzteres Dank der über 7 Millionen Ausländer. Dennoch habe ich nach meinen Urlaubseindrücken an der Nordsee vorsichtshalber einen Test gemacht- das Ergebnis anbei. Denn trotz meiner ausländischen und sogar jüdischen Wurzeln bin ja auch ich eine Deutsche, und damit von Rassismen längst nicht frei.

Clara Henssen, für Les Éditions du Crieur Pubic

Take the test:

https://implicit.harvard.edu/implicit/takeatest.html

Testergebnis

 

 


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