Unter dem Deckmantel der Kunst? Zur aktuellen Debatte über „Exhibit B“

Jonathan Meese im Nationaltheater Mannheim in seinem Stück "Generaltanz den Erzschiller"

Jonathan Meese im Nationaltheater Mannheim in seinem Stück “Generaltanz den Erzschiller”

Ob nun Jonathan Meese in einer seiner Performances den Arm zum Hitlergruß erhebt, Rapper Bushido seiner Homophobie und seinen Gewaltfantasien in seinen Songtexten („Ein falsches Wort und deine Zunge spürt Rasierklingen“) Luft macht oder Santiago Sierra Autoabgase in eine Synagoge leitet, um an die Gaskammern des Holocaust zu erinnern – die Frage, wie weit Kunst gehen darf, ist eine, die häufig aufkommt. Schließlich, sagen manche, darf unter dem Deckmantel der Kunst nicht alles erlaubt sein!

Szenen aus "Exhibit B"

Szenen aus “Exhibit B”

Die Installation „Exhibit B“ des südafrikanischen Dramatikers Brett Bailey hat diese Frage neu entfacht: weil sie Szenen aus Menschenzoos künstlerisch neu in Szene setzt wurde sie unter dem Druck der Öffentlichkeit in London abgesetzt. Der Künstler, hieß es unter den Protestierenden, sei rassistisch, und es sei eine traurige Tatsache, dass schwarze Künstler wie die Performer der Live-Installation in großen Kulturinstitutionen normalerweise garnicht zu sehen seien, in diesem Fall nur wieder als Opfer. Und weiter: Ein Weißer, Brett Bailey, bereichere sich an der Geschichte der schwarzen Community. Eine der Protestierenden, eine nach eigenen Aussagen „Schwarzafrikanische Mutter aus Birmingham“ erklärt, die Ironie des Stückes sei nicht richtig transportiert, daher habe sie sich mit ihrer Community dazu entschieden, seine Aufführung zu unterbinden.

Die Ausstellung tourt bereits seit 2010 durch Europa. Die in London begonnenen Proteste der letztem Monate führen sich nun in Paris fort. Dort haben 23.000 Menschen eine Petition unterschrieben, die die Absetzung des Kunstwerks fordert. Die Installation ist noch bis zum 14. Dezember im Pariser Cent Quatre begehbar.

Szene aus "Exhibit B"

Eine der 12 Szenen aus “Exhibit B”

Wie Antirassisten Antirassisten empören

Zu sehen sind 12 Live-Bilder, in denen schwarze Performer in erniedrigenden Positionen den Blicken der zumeist weißen Besucher ausgesetzt sind, gleichzeitig aber deren Blicke auch erwidern. Eine Idee dahinter ist, die Besucher mit ihrem eigenen Voyeurismus zu konfrontieren und ihnen damit das Phänomen der Menschenzoos näher zu bringen. Die Performer und der Künstler erhoffen sich dadurch eine stärkere Auseinandersetzung mit der Geschichte der Menschenzoos und des Rassismus.

Verteidiger des Kunstwerks wie der ehemalige Fußballnationalspieler und Realisator der Wanderausstellung „Zoos humains: l’invention du sauvage“ rühmen die Komplexität der Installation und die vielen Fragen, die es aufwerfe. Historiker und Autor des Crieur Public Pascal Blanchard, der sich mit seiner Forschungsgruppe Achac u.a. den Menschenzoos seit vielen Jahren widmet und die Wanderausstellung „Zoos humains: l’invention du sauvage“ („MenschenZoos: Die Erfindung des Wilden“) erarbeitet hat, ist ebenso von der Wertigkeit der Installation überzeugt. Als Argument, das gegen die Absetzung spricht, führt er vor allem die Freiheit der Kunst auf und damit die Unmöglichkeit einer Zensur. Auch Agnes Tricoire der Ligue des Droits de l’Homme stimmt in die Verteidigung des Kunstwerks ein, indem sie angibt, die Protestierenden hätten das Kunstwerk falsch verstanden, die meisten hätten es ohnehin gar nicht gesehen und wüssten nicht, wovon sie reden.

Die Protestierenden auf der einen Seite, die Verteidiger auf der anderen: jeder bringt seine eigenen Argumente vor und vermutlich hat niemand Recht. Denn die Motivation des Künstler Brett Bailey, der sich ausdrücklich dem Anti-Rassismus verschrieben hat, schließt die Möglichkeit nicht aus, dass sein Kunstwerk in der Öffentlichkeit anders aufgenommen wird als intendiert. Gerade in der theatralen Kunst- derjenigen, die mit einem Publikum rechnet und auf Effekte zielt- muss von einem solchen Eigenleben des Kunstwerks ausgegangen werden. Tricoires Argument, die Protestierenden hätten das Kunstwerk „nicht verstanden“ wäre von daher nichtig.

Anders verhält es sich mit der Sorge um die Freiheit des Ausdrucks und der Zensur. Kunst ist zuallererst im Gegensatz zu Staat und Politik ein individueller Ausdruck, der in den öffentlichen Diskurs geworfen wird. Ihre Aneignung durch den Staat und ihre staatliche Zensur sind Anzeichen eines autoritären Eingreifens und eines Verlusts der demokratischen Freiheit. In Hinblick auf die Einstellung des Stückes im Barbican Theatre in London von „Zensur“ zu sprechen ist allerdings nicht legitim, denn der Druck, das Stück vom Spielplan zu nehmen, kam nicht vom Staat, sondern aus der Bevölkerung. Die Proteste wurden so laut und aggressiv, dass das Theater sich aus Sicherheitsgründen genötigt sah, es vom Spielplan zu nehmen. Der „extreme Charakter der Proteste“ habe zu einer „ernsthaften Bedrohung für die Sicherheit der Darsteller, des Publikum und des Theaterpersonals“ geführt. Somit, könnte man argumentieren, ist die Absetzung der Installation in London Ergebnis einer lebendigen Demokratie, in der unterschiedliche Interessen abgewogen werden müssen. Die Aggressivität der Protestierenden ist eine bedauernswerte Form, sich Gehör zu verschaffen.

Brett Bailey mit einem der Perfomance-Künstler

Brett Bailey mit einem der Perfomance-Künstler

Das interessante dabei ist, dass sowohl die Protestierenden als auch die Aufführenden gegen Rassismus eingestellt sind. Eigentlich sollten sich da doch alle einig sein, könnte man meinen.

Die Freiheit ist da, wenn der Deckmantel weg ist

Der Streit aber dreht sich nicht um den Inhalt des Kunstwerks („anti-rassistisch“, „Kolonialismusgeschichte“, „Menschenzoos“), sondern um die Mittel des Ausdrucks. Und das genau ist das Problem: in der Kunst bestimmen sich Inhalt und Form wechselseitig und lassen sich kaum auseinanderhalten. Das Argument der Sara Myers, der „schwarzafrikanischen Mutter aus Birmingham“, das Kunstwerk bringe die Ironie der Reinszenierung einfach nicht rüber, erklärt, wieso viele Künstler zu Mitteln der Verfremdung greifen, um schon einmal Dagewesenes zum Thema zu machen. Denn erst die Distanz ermöglicht ein Begreifen und eine intellektuelle Auseinandersetzung mit einem Thema. Gerade bei so schwierigen, emotional aufgeladenen und immer noch aktuellen Themen wie der Kolonialgeschichte mag es wichtig sein, diese Distanz herbeizuführen, um einen emotionalen Knalleffekt wie im Barbican Theatre zu vermeiden.

Wer sich wie Brett Bailey und die Kultureinrichtungen, die sein Kunstwerk zeigen, entschließt, die Menschen ihre Geschichte zu lehren, der muss sich freuen, wenn die Signalwirkung des Theaters über das zahlende Publikum hinausgeht und Wellen in der breiten Öffentlichkeit schlägt…und dort gegebenenfalls eines besseren belehrt wird. Wenn die Kunst frei ist hat sie eben auch keinen Deckmantel mehr.

Les Éditions du Crieur Public


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