R. Giordano: “Die Menschen wurden vorgeführt wie die Tiere”

Der Hamburger, in Köln lebende Schriftsteller Ralph Giordano war Augenzeuge, wie in Hamburg auf dem sogenannten Winterdom Anfang der 30’er Jahre noch Menschen wie die Tiere ausgestellt wurden. Er sprach über sein Erlebtes, sein Elternhaus sowie über Rassismus damals und heute mit dem Crieur Public (CP):

R.G.: Ich will Ihnen erzählen, was ich damals, es war um das Jahr 1930, erlebt habe: Es war auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg. Meine Familie und ich wohnten damals in Barmbek und der „Dom“, wie dieser Jahrmarkt ja in Hamburg genannt wird, war damals etwas ganz besonderes. Für meine Mutter, meinen Bruder Egon, der 1,5 Jahre älter ist als ich, ich bin Jahrgang 1923, und für mich war das ein großes Ereignis. Ich erinnere mich, mein Vater war erwerbslos von 1930 bis 1936 und meine Mutter musste uns die Süßigkeiten, wie Zuckerstangen und Zuckerwatte, genau  zuteilen. Damals war alles ein wenig knapp gewesen, um es einmal so auszudrücken. Den damaligen Dom müssen Sie sich anders vorstellen als heute, heute ist das ja eine elektronische Glitzerwelt. Es gab schon Riesenrad usw. und auch Karusselle. Es gab aber auch, allerdings nicht jedes Mal, so etwa 1 – 2 Mal diese Shows, wie man heute auf neu-deutsch so schön sagt,  von Fremdrassigen, sichtbar Nichteuropäern, also von Farbigen, Afrikanern. Hieran erinnere ich mich. Darunter war auch ein Anblick, der mich erschüttert hat, das muss ich zugeben, als ich die das erste Mal sah: Die sog. „Lippen-Neger“. Das waren Afrikaner und Afrikanerinnen, Erwachsene und auch Kinder, denen eine Art Teller in die Lippen hineinoperiert worden war. Je größer die Teller, umso größer der Lippenradius. Das war ein Anblick der mich belustigt, ergötzt, aber auch erschreckt hat. Es waren enorme Teller, die wogen ja auch was. Das muss auch ein sehr schmerzhafter Prozess gewesen sein. Damals hatte ich auch noch nicht das Empfinden, ich war damals 8, 9 oder 10 Jahre alt. Das Empfinden hierfür oder die Assoziationen, die man heute hat oder später dann hatte, hatte ich als Kind noch nicht. Aber es war etwas ganz Außergewöhnliches.

CP: Wie wurden die Menschen denn gezeigt? War das würdig?

R.G.: Also, meine Mutter und ich sind nicht in das Zelt gegangen, wo die drinnen waren. Im Zelt fanden die Vorstellungen statt, die haben wir aber nicht besucht, die kostete ja auch was. Das wär zu viel gewesen für den Geldbeutel meiner Eltern. Draußen vor dem Zelt standen – ich habe nicht mehr die genauen Bilder vor Augen – mehrere „Lippen-Neger und Lippen-Negerinnen“, ich mag das gar nicht so sagen dieses Wort „Neger“. Das darf man heute ja gar nicht mehr sagen, das  ist eine Diskriminierung. Wir haben die dann bestaunt und sind dann nach einer Weile weitergegangen.

CP: In einem Vorgespräch sagten Sie, dass die Menschen im Grunde vorgeführt wurden wie die Tiere. War das damals so ihr Eindruck?

R.G.: Ja. Ich weiß nicht mehr mit welchen Worten das angepriesen wurde, daran erinnere ich mich nicht mehr. Jedenfalls war das eine schauerliche Menagerie, die man sich vorstellen muss. Das war etwas Menschenunwürdiges, was da passiert ist. Es war eine Verletzung der Menschenrechte, diese Vorführung. Ich sage ausdrücklich, ich habe das damals als Kind so nicht empfunden. Das war etwas Exotisches, etwas Ungewöhnliches. So etwas hatte ich vorher noch nie gesehen und später auch nicht mehr. Ich war auf vielen Jahrmärkten, aber solche „Lippen-Neger“ habe ich nie wieder in Natura gesehen. Auf Fotos und Bildern schon.

CP: Hatte Sie das in den Folgejahren noch beschäftigt, als Erwachsener?

R.G.: Ja, das hat mich schon beschäftigt. Ich war Autor einer Fernsehsendung, die Geschichte gemacht hat, nämlich „HeiaSafari – Die Legende von der deutschen Kolonialidylle in Afrika“. Dies war eine Sendung für den WDR, die im Oktober 1966 ausgestrahlt wurde. Es gab eine ungeheure Erregung, da die Leute glaubten, dass sie gute Kolonialherren gewesen sind. Das stimmt nicht, die deutsche Kolonialgeschichte ist eine einzige Kriegsgeschichte. Erst in Ostafrika, dann der Völkermord 1904 an den Hereros in Deutsch-Südwest-Afrika. All das hat mich ab dieser Zeit sehr interessiert und in diesem Zusammenhang habe ich auch immer wieder an die „Lippen-Neger“ gedacht, aber im Film selber ist das nicht zum Ausdruck gekommen.

CP: Wie haben die anderen Menschen auf die Zurschaustellung der „Lippen-Neger“ reagiert?

R.G.: Da kann ich leider nicht mehr allzu viel zu sagen, es ist schon sehr lange her.  Als Kind war es für mich etwas Unheimliches, ein sehr seltsamer Anblick. Dafür hatte ich dann wohl schon einen Sensus. Die Deutschen und Europäer waren damals Rassisten, ganz selbstverständlich. Die hielten sich für den besseren Teil der Menschheit, so war es eben damals.

CP: Haben diese MenschenZoos oder Völkerschauen, den Rassismus noch weiter verbreitet, „wir da oben, die da unten“ ?

R.G.: Ja, natürlich. Der launische Herrenmensch und diese Untermenschen, die da waren, die Afrikaner. Der Durchschnittsdeutsche, der Durchschnittseuropäer war ein Rassist und davon ist auch noch vieles übrig geblieben. Das ist noch nicht vorbei. Das ist so eingefleischt. Vielleicht ist es besser in der neuen Generation, die leben ja auch in einer anderen Welt. Seit damals hat sich viel ereignet. Heute können sie nicht dasselbe Lebensgefühl haben.

CP: Herr Giordano, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Telefoninterview führte Yasmine Azzi-Kohlhepp, Les Éditions du Crieur Public

 


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