Wanderausstellung in Deutschland

MenschenZoos: Vom Unbekannten zum ethnischen Spektakel

Während in Paris die Ausstellung „Acclimatation / Exhibitions : l’invention du sauvage“* stattfindet, ist das Phänomen der „MenschenZoos“, die Ausstellung von sogenannten „Wilden“ im 19. Und 20 Jahrhundert, in Deutschland noch relativ unbekannt. Verlegerin Yasmine Azzi-Kohlhepp, Gründerin des Verlagshauses Les Éditions du Crieur Public, schwebt eine Wanderausstellung zu diesem Thema in Deutschland vor. Die Ideen zur Ausstellung, die noch des Sponsorings bedarf, konkretisieren sich.

In Deutschland nimmt die Ausstellung Gestalt an

Die Ausstellung wird die Geschichte der sogenannten „Menschenzoos“ mit Fokus auf Deutschland und Österreich des 19. Und 20. Jahrhunderts  anhand von 20  Tafeln und 250 Bild- und Textelementen nachzeichnen. „Menschenzoos“ bezeichnet die Zurschaustellung von „Einheimischen“ oder „Wilden“ wie Tiere. Das Projekt, unterstützt von der Französischen Botschaft Berlin, kann als Echo auf das Erscheinen der deutschen Übersetzung des Buches „MenschenZoos“ verstanden werden. Das französische Original entstand 1990 aus einer Forschungsarbeit Pascal Blanchards und seines Teams (50 Forscher 15 verschiedener Nationalitäten) und lieferte neue Impulse in der Geschichtslandschaft der 90er Jahre. Die Erforschung der „Menschenzoos“ wirft einen neuen Blick auf die Frage der kulturellen Auswirkungen des Kolonialismus auf die Gesellschaft. Sie reflektiert die Positionierung der Gesellschaft gegenüber dem Exotismus und dem Fremden, dem Rassismus, der Würde des Menschen und der Faszination für das Unbekannte. Die Ausstellung soll diese Aspekte im Kontext der Geschichte beleuchten als auch den Umfang des Kolonialismus und seine Bedeutung für den Westen.

„Menschenzoos“ oder Kolonialausstellungen

Ende des 19. Jahrhunderts ebnete der entstehende Rassebegriff zum Zwecke der Wissenschaft den „rationalen“ Grund für einen Rassismus, welcher der Legitimierung des Kolonialismus diente. Die Ur-Ablehnung des „Barbaren“, vom Griechischen barbaros, fügte sich in eine Hierarchie der Rassen. In den sogenannten „Menschenzoos“ wurden mehr als 30.000  „Einheimische“ ausgestellt. Millionen von Neugierigen zogen sie zwischen 1810 und 1940 an. Nicht lange her wurde der Großvater des Fußballers Christian Karembu 1931 im Pariser Jardin d’acclimatation als Kannibale inszeniert.

Der große Erfolg dieser Schauplätze in einem Europa, in dem die Ausstellung von Menschen auf dem Markt bereits zum Tagesgeschäft gehörte, verdeutlicht die unter anderen Umständen manchmal sogar verständliche Faszination und Neugier für das Exotische und Unbekannte. „Heutzutage braucht niemand mehr die Gefahren auf See oder auf dem Festland auf sich nehmen, um sich mit einer ganzen Bandbreite menschlicher Rassen vertraut zu machen“ schrieb die britische Zeitschrift Illustrated Magazine of Arts 1853.

Die geplante Wanderausstellung wird die wichtigsten „Menschenzoos“ Deutschlands vorstellen: wer brachte die Einheimischen in diese Zoos? Und unter welchen Konditionen wurden diese ausgestellt?

Von den ersten Indianer, die Christoph Columbus Anfang des 16. Jahrhunderts mitnahm, bis zu den Welt- und Kolonialausstellungen von London (1862) und Paris (1900), dürfte diese Retrospektive eine reiche Einsicht in die nationalen und internationalen Zusammenhänge des Kolonialismus geben.

Abgesehen von den Fragen rund um die Würde des Menschen, die diese ethnischen Ausstellungen uns heute stellen, wird die enge Beziehung zwischen der Gesellschaft und den Rechtfertigungsmethoden in der Kolonialpolitik klar hervorgehoben. Im Herzen eines Europas, das in Richtung der Kolonien blickte, markieren diese Ausstellungen der Einheimischen die Passage eines wissenschaftlichen zu einem gesellschaftlichen Rassismus: der Europäer, gekommen um die „Wilden“ anzusehen, die hinter Gittern eingesperrt und auf einen tierisches Zustand reduziert sind, versichert sich der Überlegenheit seiner weißen Rasse.

Der Rückgang der „Menschenzoos“ in den Jahren 1930 ist kein Indikator für die Entwicklung der Toleranz oder anderer positiver mentaler Eigenschaften, sondern für eine Gesellschaft, die um die Koheränz ihrer Kolonialpolitik besorgt war: wie sollte man die stete Existenz der wilden Einheimischen erklären, wenn doch das Ziel der Kolonialpolitik der Fortschritt und die Zivilisation gewesen waren?

Das Projekt wird vermutlich von Lilian Thuram (Präsident der Stiftung Educaction contre le Racisme) oder nochmals von Pascal Blanchard (einer der Autoren des Werkes und Historiker spezialisiert in Kolonialgeschichte und der Immigration aus Übersee nach Frankreich) unterstützt werden.

Die Wanderausstellung ist eine Einladung, sich selbst infrage zu stellen sowie die eigene Position und Perzeption hinsichtlich des Anderen. Sie ist aber auch die Möglichkeit, sich den aktuellen Formen des Rassismus und der Diskriminierung bewusster zu werden. Eine vielversprechende Ausstellung auf der Suche nach Sponsoren.

Von Armance Laporte, La Gazette de Berlin,
 22.11.2012, übersetzt von Les Éditions du Crieur Public.

 Quelle: http://www.lagazettedeberlin.com/5386/zoos-humains-exposition/ [Stand: 14.05.2014]

 

*die Ausstellung fand vom 21 November 2012 bis 6 Januar 2013 statt.

Pascal Blanchard, Historiker, Präsident der Forschungsgruppe ACHAC und Co-Autor von MenschenZoos Schaufenster der Unmenschlichkeit (links) und Lilian Thuram (rechts), ehemaliger französischer Fußballspieler (spielte in der Fußballnationalmannschaft von 1998), Präsident der Stiftung Bildung gegen Rassismus

Marc-Antoine Jamet, Präsident der zoologischer Gärten Jardin d'Acclimatation Paris (links) und François Lamy, Beigeordneter Minister für Städte (rechts)

 

Pascal Blanchard, Präsident der Forschungsgruppe ACHAC, Lilian Thuram, Präsident der Stiftung für Bildung gegen Rassismus und Yasmine Azzi-Kohlhepp, Verlegerin des Hauses Les Éditions du Crieur-Public (Von links nach recht)

Sandrine Lemaire, Co-Autorin des Buches „MenschenZoos“

 

Besucher der Ausstellung bei der Betrachtung einer Ausstellungstafel

 

Besucher der Ausstellung bei der Betrachtung einer Ausstellungstafel

 

Besucher der Ausstellung bei der Betrachtung einer Ausstellungstafel

 

Ausstellungstafel


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