Menschenzoo 2005? Der Augsburger Zoo lud zu einem „African Village“ ein und entfachte einen Skandal

Es ist, als hätte es Edward Saids „Orientalismus“ nie gegeben, das Standardwerk der postkolonialen Studien, in dem der Literaturkritiker nachzeichnet, wie der Westen „den Orient“ als fremden, fernen, als den „ganz anderen“ Ort stilisierte. Dies geschah in der Kunst, durch die Malerei, durch Erzählungen, Fotografien, bis das Wort „Orient“ einen ganz eindeutigen Beiklang erhielt, nämlich den des „Exotischen“. Said weist darauf hin, dass dieses „Exotische“ allerdings eine Fiktion des Westens ist, eine Falsch- und vor allem eine Fremdrepräsentation, die die westliche Orientalistik hervorbrachte. Es geht ihm also u.a. darum, dass sich der Westen anmaßte, ganze Länder unter dem Begriff „Orient“ zusammenzufassen, diesen Begriff mit Eigenschaften zu belegen und zu fixieren.

1978 erschienen ist das Werk zugleich Produzent als auch Zeugnis eines Denkens, dass Dichotomien, d.h. Zweiteilungen – wie beispielsweise „europäisch/nicht-europäisch“, „schwarz/weiß“, „normal/exotisch“ – gänzlich ablehnt und dazu aufruft, dieses westlich geprägte Denken kritisch zu hinterfragen. Es ist damit auch Kritik an einer Wissenschaft, die auf diese Weise kategorisiert und sich auf einfache Weise aneignet, was eigentlich eines Dialogs bedarf und damit in der Wissenschaft das wiederholt, was man in der Geschichte als Kolonialismus kennt: die Okkupation eines fremden Territoriums und seine Beherrschung durch eine Minderheit. Auch Begriffe okkupieren, indem sie Identitäten festnageln und einer Eigendynamik berauben.

Freilich geht in der Wissenschaft niemand mit Waffen vor, sondern mit Worten. Aber gerade in diesen steckt ein unheimliches Potential, da einmal durchgesetzt Begriffe schwer wieder aus den Köpfen der Menschen zu holen sind- Worte wie „Schwarzer“, „Neger“, „Kanake“, aber auch „Hartz IV“ und der „Exot“ oder „das Exotische“. Es ist nicht von ungefähr, dass einige Worte neu erfunden werden müssen, wenn ihr politisch unkorrektes Potential einmal erkannt ist. In jedem Fall sollte jeder, der in Deutschland das eigentlich nette Wort „Heil“ in einem Satz unterzubringen versucht, wissen, dass es Worte gibt, die historisch aufgeladen sind und deren wörtlicher Sinn historisch längst zweckentfremdet ist. Diese Worte dennoch zu gebrauchen zeugt entweder von Provokation oder Naivität.

African_Village_AugsburgEs ist unbestritten, dass von einer verblüffenden Naivität war, wie Frau Dr. Barbara Jantschke im Namen des Augsburger Zoos 2005 für ein paar Tage zu der Beschauung und Begehung eines „African Village“ einlud. Auf einem von der Münchner Firma max Vita organisierten Bazar durften Schaulustige afrikanischen und afrika-affinen Händlern begegnen, die afrikanischen oder als solchen geltenden Silberschmuck, Körbe, Holzschnitzereien, Masken, Trommeln, Tücher, Kleidung und Essen verkauften. Auch Kunst konnte besehen und sich über Hilfsorganisationen informiert werden. Der Zoo sei genau der richtige Ort, um “die Atmosphäre von Exotik zu vermitteln”, so Jantschke.

https://www.youtube.com/watch?v=D76vfvKPT3I (Stellungnahme Frau Dr. Janitschkes gegenüber http://uhem-mesut.com, Englisch)

Protest hagelte es vor allen Dingen wegen einer historische Parallele, die sich vielen Empörten aufdrängte: „afrikanische Dörfer“ oder sogenannte „Negerkarawanen“ machten von 1870 bis 1940 in verschiedenen deutschen Zoos Halt. In diesen „Menschenzoos“ wurden Menschen neben Tieren ausgestellt, wurden begafft und von der Wissenschaft als Beispiele niederer „Rassen“ eingestuft. Diese „Menschenzoos“ erfreuten sich in der deutschen Bevölkerung einer großen Beliebtheit und schürten Diskriminierung und Rassismus. Dabei wurden die Ausgestellten absichtlich als „Wilde“ inszeniert. So wurden beispielsweise „feindliche Attacken“ auf das Publikum sowie virtuose Tänze einstudiert und vorgeführt. Auf diese Weise wurde das Stereotyp des Dunkelhäutigen als ungezähmter, naturnaher „Wilder“ und „Exot“ kreiert und verfestigt.

Mehrere Organisationen, darunter die „Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland“, „Schwarze Frauen in Deutschland“, das „Nord-Süd-Forum“ und die sich um die Belange Afrodeutscher in den Medien kümmernde Organisation „Der braune Mob“ schickten Protestbriefe an die Zooleitung. Die internationale NGO Ecoterra erstattete laut Tagesspiegel Strafanzeige gegen die Zoodirektorin und die Veranstalterfirma max Vita.

Ein Schreiben des Professors Norbert Finzsch der Universität Köln löste auch internationalen Protest aus:

„Dekane und Professoren aus Frankreich, England und besonders den USA [forderten] einen Ausstellungsstopp“, informierte Ulrike Krahnert in Der Tagesspiegel. Der Professor für anglo- amerikanische Geschichte habe laut Tagesspiegel in einem Internetforum an internationale Kollegen appelliert. „Es ist offensichtlich, dass die Organisatoren die politischen und historischen Implikationen ihres Projekts nicht verstehen“. Es sei „absurd, so zu tun, als ob Afrika, ein Kontinent mit vielen unterschiedlichen Kulturen und Kulturräumen, nur aus Savannen bestehe, in denen naturverbundene, freundliche Menschen ihrem Tagwerk in Hütten nachgehen“. Dies, so gab sich Krahnert mit Finzsch einverstanden, verflache die Vielfältigkeit der afrikanischen Kulturen.

Finzsch habe außerdem selbstkritisch angemerkt, dass die Naivität der Zoodirektorin und der Ausstellungsveranstalter darauf zurückzuführen sei, „dass Geschichte und Auswirkungen des deutschen Kolonialismus in den letzten sechzig Jahren nicht ausreichend behandelt worden seien; auch nicht von deutschen Historikern“ und dass „die Art, wie Afrikaner auch heutzutage in der Öffentlichkeit dargestellt werden, beweise, dass koloniale und rassistische Sichtweisen immer noch lebendig seien“.

Die Medien reagierten ebenso schnell und prangerten zuhauf die „Naivität“ der Zoodirektorin an, so beispielsweise Jörg Schallenberg in der TAZ.

Der Skandal schwappte auch nach Frankreich rüber, wo sich Pascal Blanchard, Historiker und Autor des Crieur Public, und Olivier Barlet von der Zeitschrift Africultures in Le Monde zu Wort meldeten. „Ein Wiederaufleben der Menschenzoos ?“ betitelten sie medienwirksam ihren Artikel. Neben einer vielleicht zu Unrecht nicht infrage gestellten Direktparallele zwischen „Menschenzoos“ und dem Augsburger „African Village“ merkten sie an, dass „der Afrikaner“ wieder einmal „eher der Welt der Natur als der Welt der Kultur“ zugeordnet werde, indem ihre Kunstfertigkeiten inmitten von Elefanten, Schimpansen, Löwen und anderen Tieren und deren Gehegen präsentiert werde.

Richtig beobachtete aber auch Schallenberger von der TAZ, dass der Vorfall in Augsburg „ein ideales Vehikel“ für „diverse Gruppen“ sei, „um ihre sicher gut gemeinten Anliegen einer breiteren Öffentlichkeit vorzutragen“. Er äußerte „Befremden darüber, wie schnell die Arroganz der Kritiker die Ignoranz der Veranstalter eingeholt hat“. Allerdings tut Schallenberger den Vorfall allzu leicht als „Heißluft-Event“ ab.

Besonders besorgniserregend ist die Reaktion von Spiegel Online:

Henryk M. Broder fragt am Ende seines Artikels „Was bleibt vom Vorwurf des Kolonialismus, des Rassismus, der Menschenverachtung? Wenig bis gar nichts“. Dabei merkt Broder nicht, dass er den kolonialen Stereotypen selbst verfallen ist.

So gab er gänzlich unkommentiert die Stimme einer Besucherin wieder. „Gabi, 27, war zwar noch nie in Afrika“, schrieb er, „aber seit sie die Schimpansenforscherin Jane Goodall bei einem Vortrag gesehen hat, weiß sie, dass man etwas “für die Natur, die Menschen und die Tiere dort” tun muss“, so Broder. Broder sah kein Konfliktpotential in dieser Aussage Gabis, die Afrikaner in die Nähe von „Natur“ und „Tierreich“ rückte. Er meinte gar, sich dem Konflikt entziehen zu können, indem er sich über die Deutschen mokierte und ihnen einen ähnlichen Exotismus wie den „Afrikanern“ zuschrieb: „Und so weiß man nicht, wer in diesem “African Village” die Exoten und wer die Normalos sind. Die Deutschen mit ihren zum Teil wilden Frisuren und den serienmäßigen Piercings oder die Afrikaner, die sich alle Mühe geben, brav und bieder aufzutreten“, schrieb er und weiter „Nur Dontana, der Trommler, sieht in seinem knallbunten Hemd und der blauen Baseballmütze so aus, wie man sich einen “echten” Afrikaner vorstellt.“

Obwohl sich Broder Mühe gab, humoristisch Distanz zum Geschehen aufzubauen, tat er mit seinem Artikel ganz eindeutig das Seinige, um das Konstrukt eines „echten Afrikaners“ aufrecht zu erhalten, anstatt es zu brechen, was doch die Aufgabe eines kritischen Journalismus sein sollte. Vor allem die Aussage über „Afrikaner“, die sich „Mühe geben, brav und bieder aufzutreten“ wiederholt erstens das Klischee, es gebe den Afrikaner per se und zweitens das Klischee, Afrikaner seien von Natur aus wild oder zumindest fern von „brav und bieder“.

Heute, neun Jahre nach dem Skandal, fällt außerdem auf, dass es niemanden recht kümmern wollte, dass nur die wenigsten Verkäufer im „African Village“ Afrikaner waren. Laut Sonja Zekri von der Süddeutschen Zeitung waren nur ein drittel der Standbesitzer Afrikaner. Zurecht sah sie in dieser vermeintlich kulturellen Begegnungsstätte also „ein eher dünnes Dialogpotenzial“.

Vielleicht war der wahre Skandal von Augsburger 2005 weder der, dass ein Zoo eine seiner kulturellen Veranstaltungen unglücklich „African Village“ taufte, noch der, dass die Zooleiterin hinsichtlich der afrikanischen Kultur von „Exotismus“ sprach. Vielleicht ist der wahre Skandal, dass die Haupt-Profiteure der Veranstaltung mit Namen „African Village“ keine- wie auch immer gearteten- “Afrikaner” waren, sondern 30 Afrika-Fans, ein bayerischer Zoo und eine in München ansässige Veranstaltungsfirma, die stolz damit wirbt “das Erbe Afrikas, seine Vitalität und Lebensfreude für alle Besucher greifbar“ zu machen. Also wieder einmal der Westen, der die afrikanische Kultur verkitscht und sich damit in die eigene Tasche spielt.

Angesichts dessen wird die Stellungnahme des Augsburger Stadtdirektors Münzenrieder, die gut 40 Teilnehmer der Ausstellung bekämen durch Verkaufsstände und Musikdarstellungen auch die Möglichkeit des Broterwerbs geboten, als Rechtfertigung für dieses Event hinfällig.

Die Nachrichtenseite der Stadt Augsburg (plan-ausgburg.de) zitierte immerhin einen nigerianischen Künstler aus München, Ambali Bamgbola, der seine „großformatigen Bilder vor und im Leopardenhaus“ ausstellte. „Er freut sich“, hieß es, „dass er hier die Möglichkeit bekommt, seine Kunst zu präsentieren und war auch schon auf den Afrika-Tagen im Münchner Olympiapark im Mai dabei“. „Wir sind freie Künstler und die da draußen sind politisch motiviert”, bringe er die Sache „kurz und knapp“ auf den Punkt.

Doch wie frei sind Kunst und Kultur von Politik und Geschichte wirklich? Lassen sie sich freimachen von politischem und historischem „Ballast“ und wenn ja, wäre diese Freiheit wirklich zu begrüßen? Eine Gesellschaft, in der jeder frei seinen Interessen folgt, ohne Rücksicht auf das, was vorher war und das, was kommen mag, wäre eine bar jeder Verantwortung. Falls es diese Freiheit wirklich geben sollte, müsste man sie sich schon nehmen. Die Frage, ob man sie sich nimmt, muss man sich jedoch stellen. Ansonsten schwimmt man mit in einer Gesellschaft, die zu bequem ist, sich zu erinnern.

Die Zoo-Direktorin Jantschke hat sich mittlerweile zumindest von ihren Äußerungen distanziert und zu verstehen gegeben, dass die Bezeichnung “African Village” unglücklich gewählt war. Der Augsburger Zoo bot hinterher außerdem Diskussionsrunden und Workshops an, in denen mit der Kritik umgegangen wurde.

Bleibt zu hoffen, dass die promovierte Direktorin Jantschke selbst an den Workshops teilnimmt und bei dieser Gelegenheit den guten alten „Orientalismus“ Saids zumindest einmal durchblättert.

Zu den Artikeln zum Augsburger “African Village” finden Sie hier:

http://www.sueddeutsche.de/kultur/skandal-im-zoo-das-ist-kein-afrikanisches-dorf-1.417786

http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/zoepfchenflechten-im-zoo/614488.html

http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2005/06/11/a0112

http://www.plan-augsburg.com/augsburg/die_stadt/2005/2._quartal_2005/09.06.2005_-_politisch_sehr_korrekt.php

http://www.lemonde.fr/idees/article/2005/06/27/les-zoos-humains-sont-ils-de-retour-par-pascal-blanchard-et-olivier-barlet_666574_3232.html

http://www.spiegel.de/jahreschronik/a-388059.html

http://www.spiegel.de/international/german-zoo-scandal-african-village-accused-of-putting-humans-on-display-a-359799.html

 


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