Klug, klüger….am klügsten ? Ein feministisches Streitstück

Die Feministinnen Alice Schwarzer, Simone de Beauvoir, Judith Butler, Luce Irigaray, Laurie Penny, Valerie Solanas, Elisabeth Badinter, Vandana Shiva und Deirdre McCloskey und Gastgeber Arthur Schopenhauer haben das Abendessen beendet und sitzen gemeinsam an einem Tisch. Gleich soll es Dessert geben, aber dann löst die Frage, wer das Geschirr abwäscht, einen Streit aus.

Die Figuren

Elisabeth BadinterElisabeth Badinter, 1944 in Boulogne-Billancourt geboren, hat sie sich als Professorin und Philosophin vor allem durch den Bestseller “Mutterliebe – zur Geschichte eines Gefühls” einen Namen gemacht. Darin untersucht sie das Muttergefühl im Wandel der Zeit und erläutert, das Muttergefühl sei eine seit der Aufklärung verbreitete Erfindung, die dazu diene, emanzipatorische Impulse von Frauen zu unterdrücken. Vor der Aufklärung, schreibt sie, sei die Mutter-Kind-Bindung in Frankreich gar nicht so groß gewesen. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder.

Simone de BeauvoirSimone de Beauvoir, geboren 1908 in Paris und 1986 dort gestorben, schrieb das Standwerk “Das Zweite Geschlecht“, in dem sie aufzeigen will, dass man nicht als Frau geboren wird, sondern erst durch die Gesellschaft, in der man lebt, zu einer Frau erzogen wird. Das bedeutet, dass sie Geschlecht radikal als ein kulturelles Konstrukt ansieht und nicht als einen biologischen Fakt.

butler-judithJudith Butler, 1956 in Cleveland geboren, ist aufgrund ihrer dekonstruktivistischen Methode bekannt, mit der sie aufzeigt, wie unsere Auffassung von “männlich” und “weiblich” durch Sprache und verschiedene gesellschaftliche – kulturelle, politische, ökonomische - Interessen geprägt und daher auch veränderbar ist. Sie sagt, dass das Geschlecht “performativ” ist: das heißt, indem wir handeln “wie” eine Frau, werden wir auch eine Frau, in unseren Augen, aber auch in den Augen der anderen. Sie stellt die Zweigeschlechtlichkeit “Frau” /”Mann”, in die wir die Menschheit unterteilen, radikal infrage und widmet sich in ihren Studien oftmals den Menschen, die diese Zweigeteiltheit der Menschheit sprengen, indem sie, z.B. transsexuell leben. Als Butlers wichtigstes Werk gilt “Das Unbehagen der Geschlechter“.

Luce IrigarayLuce Irigaray, geboren 1930 in Belgien, ist unter Feministinnen oftmals als “Differenzialistin” verschrien, weil sie  - anders als die sogenannten “Universalisten” wie Simone de Beauvoir und Elisabeth Badinter – nicht davon ausgeht, dass Mann und Frau das Gleiche sind und sein sollen. Sie geht von zwei unterschiedlichen Geschlechtern und Qualitäten aus und versucht in ihrem Werk, das weibliche Geschlecht und seine Sexualität aufzuwerten, die in der Freudschen Psychoanalyse als minderwertig abgewertet worden waren. Als eines ihrer Standardwerke gilt “Das Geschlecht, das nicht eins ist“. Beim Crieur Public erschienen ist ihr aktuellstes Werk “Das Mysterium Marias“.

Deirdre McCloskey Deirdre McCloskey, geboren 1942 in Michigan, unterzog sich einer Geschlechtsumwandlung und lehrt als Professorin der Ökonomie. Sie bezeichnet sich selbst als “Feministin”. Von ihr erscheinen zahlreiche Bücher mit Titeln wie “How to be human. Though an economist” oder “The Bourgeois Virtues: Ethics for an Age of Commerce”, in denen sie die Möglichkeiten eines ethischen Kapitalismus’ aufzeigt. Sie ist entschiedene Kapitalistin.

 

Laurie PennyLaurie Penny, geboren 1986 in London, ist Feministin und Bloggerin. In ihrem Aufsehen erregenden Buch “Fleischmarkt” analysiert sie die Verknüpfung von Spätkapitalismus und der Unterdrückung des weiblichen Körpers durch Werbung und Schönheitsindustrie. Sie ist entschiedene Antikapitalistin.

Alice SchwarzerAlice Schwarzer, geboren 1942 in Wuppertal, ist wohl Deutschlands bekannteste Feministin. Seit 1977 leitet sie die Zeitschrift “EMMA”, in der Artikel über aktuelle politische Frauenthemen erscheinen. Sie wirkte an der zweiten Frauenbewegung in Paris zusammen mit Simone de Beauvoir und leitete anschließend die Frauenbewegung der 70er Jahre in Deutschland.

 

SchopenhauerArthur Schopenhauer, geboren 1788 in Danzig und gestorben 1860 in Frankfurt am Main, ging als der große pessimistische Philosoph in die Geschichte ein. Als sein bekanntestes Werk gilt “Die Welt als Wille und Vorstellung”, in dem er sich u.a. mit Fragen der Ethik beschäftigt. In seinem Denken war er stark vom Buddhismus beeinflusst, was seine Anleitung zu einem entsagenden, asketischen Leben erklärtImmer wieder äußerte er sich aber auch abschätzig über Frauen, so auch in “Parerga und Paralipomena”. 

 

Valerie SolanasValerie Solanas, geboren 1936 in Atlantic City und gestorben 1988 in San Francisco, lebte lange Zeit als Obdachlose. Sie wurde durch ihr wütendes Machwerk “SCUM Manifesto” bekannt, in dem sie den Männern die Schuld für alles Übel in der Welt zuschiebt. Mit Andy Warhol befreundet und für ihn tätig, versuchte sie ihn 1968 zu erschiessen. Andy Warhol wurde dadurch schwer verletzt.

Vandana ShivaVandana Shiva, geboren 1952 in Indien, ist eine sogenannte “Ökofeministin”. Sie widmet sich Fragen des Feminismus’ und der Ökologie und sieht einen Zusammenhang zwischen Patriarchat und Naturzerstörung. “Männliche” Werte wie Macht und Beherrschung hätten seit der Industriellen Revolution zu einem Missbrauch der Natur geführt. Weil sie wie Irigaray von spezifisch weiblichen und männlichen Eigenschaften ausgeht, wird sie ebenfalls oft des “Essentialismus” bezichtigt, d.h. der Einteilung der Menschen in Kategorien und ihre Reduzierung auf bestimmte Merkmale wie ihr biologisches Geschlecht.

 

Das Streitstück

 

(Der Vorhang geht auf.)      [Originalzitate sind fett gedruckt]

 

Arthur Schopenhauer: Hilft mir jemand beim Teller-Abwasch?

Luce Irigaray: Ja. Ich helfe dir.

Simone de Beauvoir: Ich auch.

Alice Schwarzer: Was? Ich bitte Sie, Simone!

Laurie Penny: Ist ja wieder klar, dass fast nur Frauen abwaschen. Die Männer bleiben sitzen. That’s not okay.

Arthur Schopenhauer: Was heißt hier Männer? Ich bin hier der einzige Mann. Und Philosoph.

Judith Butler: Listen, Arthur. Bist du wirklich der einzige Mann hier oder glaubst du nur ein Mann zu sein? Du solltest dir die Freiheit geben, weder ein Mann, noch eine Frau zu sein. My opinion.

Arthur Schopenhauer: Was? Ich bin Philosoph.

Judith Butler: Ich auch. Ich bin auch Philosoph. Ich helfe euch, guys. (Will sich erheben.)

Arthur Schopenhauer: Bleib doch sitzen. Schon der Anblick der weiblichen Gestalt lehrt, daß das Weib weder zu großen geistigen, noch körperlichen Arbeiten bestimmt ist.

Judith Butler: Nein, ich bleibe nicht sitzen. Ich stehe auf (erhebt sich)

Laurie Penny: Gut so. Lernt „Nein“ zu sagen, ladies. Nur, indem die Frau des 21. Jahrhunderts wieder lernt, „Nein“ zu sagen, wird sie ihre Stimme wiederfinden und sich ihrer Macht erinnern. [...] Nein, wir werden uns nicht mit der schmutzigen Arbeit begnügen, der schlecht-bezahlten Arbeit, der unbezahlten Arbeit. Nein, wir werden nicht bis spät im Büro bleiben, nach den Kindern sehen, die Einkäufe erledigen. [...] Nein. Wir weigern uns. Wir werden eure Kleidung nicht kaufen und eure Schuhe und eure chirurgischen Lösungen. Nein, wir werden nicht schön sein; wir werden nicht lieb sein.

Arthur Schopenhauer: Aha. Hilfst du also beim Abwaschen, Judith?

Judith Butler: Nein, Arthur. Ich stehe, wie du siehst.

Arthur Schopenhauer: Weder bleibst du sitzen noch hilfst du beim Abwaschen…stehst nur unnütz herum!

Judith Butler: Ich stehe in einem „Da-Zwischen“. Das gilt auch für mein Geschlecht. Ich muss mich nicht für das eine oder das andere entscheiden. Das Geschlecht ist performativ. Wir müssen binäre Systeme sprengen!

Deirdre McCloskey: Finde ich gut, auch wenn ich nicht alles verstanden habe…

Arthur Schopenhauer: Ach, fac quod vis! [Tu was du willst]. So sind die Weiber: zu nichts Anständigem nütze.

Simone de Beauvoir: Pardon? Weiber? Wir sind keine Weiber, wir wurden zu Weibern gemacht! Ich zitiere mich: „On ne naît pas femme: on le devient“ [„Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.“]

Alice Schwarzer: Genau!

Luce Irigaray: Wir wollen doch nur helfen. Macht hier mal nicht so ein riesen Ding draus.

Alice Schwarzer: Ich bitte Sie. Natürlich machen wir da ein riesen Ding draus. Das Private ist politisch. Alles, was sich hier abspielt, ist ein Beispiel dafür, wie es da draußen in der Welt zugeht…

Arthur Schopenhauer: Prima. Entbrennt jetzt ein Streit? Weiber, ihr seid mir zu anstrengend. Hört lieber auf mit dem Denken, das steht euch nicht gut zu Gesichte.

Laurie Penny: Nein, Schopi, du hast echt nicht Recht, Mann.

Simone de Beauvoir: Wir sind Denkerinnen, Philosophinnen, Feministinnen, Intellektuelle! Wir MÜSSEN denken, das ist unsere Berufung.

Luce Irigaray: Ja, in diesem Punkt bin ich d’accord mit Ihnen, Madame de Beauvoir. Ausnahmsweise.

Simone de Beauvoir: Merci, Madame.

Arthur Schopenhauer: Wieso seid ihr eigentlich alle Philosophinnen geworden, wieso nicht Erzieherinnen? Zu Pflegerinnen und Erzieherinnen unserer ersten Kindheit eignen die Weiber sich gerade dadurch, daß sie selbst kindisch, läppisch und kurzsichtig, mit Einem Worte, Zeit Lebens große Kinder sind: eine Art Mittelstufe, zwischen dem Kinde und dem Manne, als welcher der eigentliche Mensch ist. Meine Meinung.

Judith Butler: Pah! Arthur. That’s ridiculous. Seriously.

Elisabeth Badinter: Hätten Sie nur eine Spülmaschine, Herr Schopenhauer, gäbe es dieses Abwasch-Problem überhaupt nicht und wir könnten uns wichtigeren Dingen widmen.

Vandana Shiva: Ist doch in Ordnung, dass er keine hat. Wir brauchen weniger als wir denken. Jedes Mal, wenn wir uns auf Konsum- und Produktionsgewohnheiten einlassen, die mehr wollen, als wir nötig haben, handeln wir gewalttätig. 

Elisabeth Badinter: Oh Nein, Ökofeminismus! Ich finde das so rückschrittlich. Als nächstes werden Sie wohl sagen, wir Frauen sollten am besten noch mit der Brust stillen. Schon einige Jahre beobachte ich diese “Zurück-zur-Natur” Bewegung, die sich selbst als Avantgarde ansieht, sehr alarmiert. Diese Bewegung untertsützt Frauen darin, ohne Epiduralanästhesie zu gebären und solange wie möglich zuhause mit dem Baby zu bleiben, weil sie sagen, das sei besser für die Mutter-Kind-Beziehung. Die wollen, das Frauen Kinder mit der Brust stillen, weil das das Kind angeblich gegen Allergien und Asthma schützt und die Mutter vor Brustkrebs. Die wollen, dass wir waschbare Windeln benutzen, weil das besser für die Umwelt ist. Pff!

Deirdre McCloskey: Ich bin einverstanden, Frau Badinter. Meine Großmutter hat noch Obst eingelegt und Kleider für die ganze Familie genäht. Dafür hat sie keinen Cent bekommen. Heute kann man Konserven und Kleidung im Supermarkt kaufen und seine Kinder auswärts betreuen lassen. Das ist eine unglaubliche Befreiung [...] Der Markt hat enorm zur Emanzipation der Frauen beigetragen.

Laurie Penny: Quatsch! Der Markt hat vor allem zur Unterdrückung der Frau beigetragen. Der von den Männern dominierte Markt bereichert sich doch auf unsere Kosten! Das ganze Essen, das wir einkaufen und in uns hineinstopfen, erbrechen wir dann wieder, um in das teure Kleid zu passen, das der Markt uns andrehen will.

Valerie Solanas: Ich glaube, engagierten, verantwortlichen, erlebnishungrigen Frauen bleibt eigentlich nur übrig [...] das männliche Geschlecht zu vernichten.

Luce Irigaray: Hm. Naja, ganz so weit würde ich jetzt nicht gehen..

Arthur Schopenhauer: …das nächste Mal lade ich niemanden mehr ein. Besser allein sein als in Gesellschaft. Gesellschaft ist die Ursache für alles Übel.

Valerie Solanas: Nein, der Mann ist die Ursache für alles Übel! Hej, Frauen, hört mal zu: Es ist mittlerweile technisch möglich, sich auch ohne die Hilfe der Männer (oder meinetwegen der Frauen) zu reproduzieren und ausschließlich Frauen zu produzieren. Wir müssen sofort damit anfangen.

Luce Irigaray: Hm..ich weiß nicht.

Arthur Schopenhauer: Jetzt fühle ich mich in meinem eigenen Hause unwillkommen. Ich gehe schlafen. Dessert könnt ihr euch selber holen. Und morgen kommt die Putzfrau, die wäscht dann alles ab. Also macht euch keine Sorgen um den Abwasch. Gute Nacht.

(Arthur Schopenhauer ist ins Bett gegangen.)

Luce Irigaray: Das ist ganz typisch Mann. Seht ihr: Arthur will sich lieber mit seinen Bücher beschäftigen als mit uns. In meinen zahlreichen Studien zur Sprache von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen habe ich verstanden, dass der Hauptunterschied zwischen den Geschlechtern ein Beziehungsunterschied ist, d.h. eine unterschiedliche Art, Beziehungen zur Umwelt aufzubauen. Es macht einfach einen Unterschied, ob man Leben in seinem eigenen Körper kreiert als außerhalb. [...] Wenn ich einer Gruppe von Kindern, Teenagern und Erwachsenen die Aufgabe erteile, einen Satz mit dem Wort „mit“ zu formulieren, wird der kleine Junge oder der Mann einen Satz der Art „Ich habe den Satz mit meinem Stift geschrieben“ oder „Zur Schule bin ich mit meinem Fahrrad gekommen“ schreiben. Ein Mädchen aber wird in etwa den Satz formulieren „Heute Abend werde ich mit meinem Freund ausgehen“ oder „Ich werde immer mit dir zusammenbleiben“. Der Mann also zieht das Verhältnis Ich & meine Objekte vor, die Frau hingegen das Verhältnis Ich & eine andere Person.

Alice Schwarzer: Der einzige – kleine! – Unterschied zwischen den Geschlechtern ist die biologische Fähigkeit der Frau zu Mutterschaft. Das rechtfertigt aber keineswegs ihre vorrangige soziale Zuständigkeit für die Kinder.

Elisabeth Badinter: Ich pflichte meiner Freundin Alice Schwarzer bei.

Alice Schwarzer: Danke, Elisabeth.

Elisabeth Badinter: Gerne, Alice.

Luce Irigaray: Aber…

Valerie Solanas: Wo ist meine Pistole? (sucht nach ihrer Pistole)

(Arthur Schopenhauer ist mittlerweile in einen Tiefschlaf gesunken und schnarcht. Die Feministinnen aber streiten munter weiter. Der Vorhang geht trotzdem zu.)

ENDE



Clara Henssen, für Les Éditions du Crieur Public


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