Ist es zumindest gestattet, sich eine Lösung auszumalen? Esther Benbassa, „Jude sein nach Gaza“

"Jude sein nach Gaza" von Esther Benbassa

“Jude sein nach Gaza” von Esther Benbassa

Am frühen Donnerstagabend haben 100 Menschen in Hamburg für Frieden in Israel demonstriert. Vom Gehart-Hauptmann-Platz aus, nahe des Crieur Public, waren sie in der gesamten Altstadt zu hören. Unter dem Motto „Internationaler Tag der Solidarität mit Israel“ forderten sie das Ende des Beschusses Israels mit Raketen aus dem Gazastreifen. Insgesamt ist auf beiden Seiten durch die Gefechte ein Verlust von 230 Menschenleben zu verzeichnen.

In der ganzen Welt melden sich Stimmen zu diesem neu entflammten Dauerkonflikt zu Wort, darunter auch die kritischer jüdischer Bürger in und außerhalb Israels.

David Grossmann

David Grossmann

Der in Israel lebende Schriftsteller David Grossmann beispielsweise wirft der Regierung Netanjahu in seinem am 8. Juli in der Libération erschienenen Artikel ideologischen Konservatismus gepaart mit einer Rhetorik der Hoffnungslosigkeit vor, die die Stimmung des gesamten Landes widerspiegele. Er entgegnet dieser Stimmung mit einem Schrei des Aufbegehres, indem er schreibt „ Ich halte mich an dieser Hoffnung fest, und ich bewahre sie in mir, weil ich hier weiterhin leben will. Und ich kann mir den Luxus nicht erlauben und den Genuss, die die Niedergeschlageneheit bereithält.“ Die Hoffnung ist diejenige auf ein pragmatischeres Israel, das das ewige Phantom, Opfer der Geschichte zu sein, endlich abstreift und erkennt, dass es sich in den Nahen Osten integrieren muss, wenn es überleben will.

Ähnlich positioniert sich auch die in Paris ansässige Jüdin Esther Benbassa, Senatorin in Frankreich und Autorin des im Crieur Public erschienenen Buches „Jude sein nach Gaza“. In letzterem beschreibt sie bereits die von Grossmann skizzierte Atmosphäre der Mutlosigkeit und endet das als Pamphlet anmutende Buch beinahe mit den Worten „Ob man nun Israeli ist, Palästinenser oder Jude – heute lässt einen alles an der Zukunft – an einer möglicherweise gemeinsamen Zukunft – verzweifeln.“

Esther Benbassa

Unsere Autorin Esther Benbassa

Aber nur fast. Denn auch sie ist die ideologische Verstarrung beider Lager, allen voran Israel, Leid und fragt schließlich rhetorisch-provokativ „Ist es zumindest gestattet, sich eine Lösung auszumalen?“ In „Jude sein nach Gaza“ schlägt sie vor allem ein „energisches Vorgehen der Vereinten Nationen“, unterstützt durch die Europäische Union, vor.

In ihrem heute erschienenen Artikel in Le Huffington Post macht sie ihren israelkritischen Standpunkt abermals klar und appelliert auch hier an eine Humanität unabhängig von den Religionen. „Dieser Krieg“, schreibt sie, „betrifft uns alle, aus unterschiedlichen Gründen. An erster Stelle aber steht derjenige des gleichzeitig anstrengenden und pragmatischen Humanismus, von dem wir uns alle leiten lassen sollten, ob Jude, Christ, Moslem, Gläubiger oder Nichtgläubiger, Agnostiker, Atheist, Freidenker… .“

* Übersetzung aus dem Französischen von Les Éditions du Crieur Public.

Zu den französischsprachigen Original-Artikeln gelangen Sie hier

http://www.liberation.fr/monde/2014/07/08/la-droite-n-a-pas-seulement-vaincu-la-gauche-elle-a-vaincu-israel_1059874

http://www.huffingtonpost.fr/esther-benbassa/israel-palestine-gaza_b_5586610.html

 


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