Ist das Kopftuch… ein Zeichen der Rückschrittlichkeit?

Queen

Frau mit Kopftuch

„Wenn ich Frauen mit Kopftuch sehe, werde ich wütend“ bekannte kürzlich ein Freund von mir, „wieso lassen die sowas mit sich machen?“ Darauf entbrannte eine hitzige Diskussion in der Runde – wir waren zu dritt – in der jeder einmal sein Repertoire an Emotionen, intellektuellen Standpunkten und historischem Halbwissen zum Thema „Kopftuch und Feminismus“ ans Tageslicht zu befördern versuchte. Kürzlich gelesene Artikel zum Vormarsch der IS, Fernsehdokumentationen über die Rekrutierung deutscher Dschihadisten, feministische Zitate sowie im Studium angeeignete Argumente des Poststrukturalismus wurden mit Elan in die Runde geworfen. Während der eine forderte, die Kopftücher sollten verboten werden, um ein Zeichen gegen die Unterdrückung der (muslimischen) Frau zu setzen – und sich damit unbewusst der Forderung der radikalen westlichen Feministinnen anschloss, die im Kopftuch ein Symbol der Geschlechtertrennung und damit Rückschrittlichkeit sehen – entgegnete ich ihm, damals ebenso unbewusst, mit dem orthodoxen Gegenargument der radikal muslimischen Feministinnen, die das Kopftuch als einen Schutz vor dem Kapitalismus hochhalten, dem westlichen Kapitalismus, in dem Frauen in Werbung und Mode zu Objekten der männlichen Begierde degradiert würden.

High heels

Schuhe

„Wenn ich Frauen in so hohen high heels sehe, dass ihnen das Laufen schwer fällt und gleich der Genickbruch droht, dann werde ICH wütend!“ sagte ich. Die dritte Person in der Runde versuchte zwischen beiden Standpunkten zu vermitteln und die Emotionen aus dem Spiel zu bringen, um eine sachliche Grundlage zum Diskutieren zu schaffen.

Am Ende dominierte das Gefühl den Raum, ein Satz mehr würde es nur schlimmer anstatt besser machen. Ein Satz mehr wäre nur eine überkochte Spaghetti auf einem riesigen Spaghettiknäuel zwischen uns. Somit schwiegen wir alle und aßen unser Abendessen auf.

Spaghetti

Spaghettiknäuel

Gesetzliches Kopftuchverbot

2003 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass Lehrerinnen mit Kopftuch das Unterrichten nicht versagt werden dürfe. Da Schulpolitik Ländersache ist, hat dieses Urteil zu unterschiedlichen Verbotsregelungen in den Bundesländern geführt. In manchen Bundesländern (Hessen, Berlin, Bremen, Niedersachsen, Saarland, Nordrhein-Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg) ist Lehrerinnen das Tragen eines Kopftuches an Schulen verboten.

Letzten Monat erteilte das Bundesarbeitsgericht in Erfurt kirchlichen Arbeitgebern das Recht, ihren Mitarbeitern das Tragen anderer konfessioneller Symbole – darunter fällt auch das Kopftuch – zu verbieten. Anlass war der Rechtsstreit zwischen einer Krankenschwester in Bochum (NRW) und ihrem Arbeitgeber, einem evangelischen Krankenhaus. Das Arbeitsgerichtshof berief sich bei seinem Urteil auf das Sonderrecht für kirchliche Arbeitgeber und wies die Anklage der Krankenschwester ab. Die Klägerin hatte 2010 entschieden, ihren Glauben im Job sichtbar zu machen und künftig mit Kopftuch zu arbeiten.

Auch, wenn die „Kopftuchdebatte“ für die meisten keine Rolle mehr spielt und mit dem aufgeflammten und nun wieder erkalteten Kopftuchstreit vor einigen Jahren an Aktualität verloren zu haben scheint, halte ich es für wichtig, sie nicht völlig aus den Augen zu lassen.

Denn meiner Meinung nach drückt sich in der Haltung zum Kopftuch das Selbstverständnis der eigenen Tradition aus: der religiösen und feministischen gleichermaßen. Das Kopftuch „an sich“ existiert nicht, sondern es entstammt einer bestimmten kulturellen Tradition, die ganz unterschiedlich ausfallen kann, und wird auf der anderen Seite auch aus einer bestimmten – in diesem Fall der europäischen bzw. deutschen – Tradition heraus betrachtet.

Über den Zusammenhang von Religion und Feminismus

Die Geburtsstunde des Feminismus in Europa war die Französische Revolution, die nicht nur die politische Ordnung, sondern auch die private bis hin zur Familie und der Geschlechterbeziehung erschütterte. Nicht zuletzt wurde sie initiiert von selbsterklärten Frauenrechtlerinnen, die für die Durchsetzung der Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz eintraten, und brachte die ersten Frauen hervor, die sich dezidiert als „Feministinnen“ bezeichneten. Indem die Französische Revolution aber auch mit einem religiös geformten Staat aufräumte, indem sie die Privilegien des Klerus beseitigte, die Klöster auflöste, Kirchengüter enteignete und die Trennung von Staat und Kirche hervorrief, lässt sich eine historische, aber nicht unbedingt eine kausale Verbindung zwischen der Auflösung der Religion und dem Zustandekommen des Feminismus erkennen.

Thomas von Aquin

Thomas von Aquin

Repräsentanten der abendländischen Philosophie, wie der Katholik Thomas von Aquin, stellten Mann und Frau als ungleich gegenüber und schrieben dem Mann eine aktive, der Frau hingegen eine passive, den Mann vervollständigende Rolle zu. Auf Basis der Schöpfungsgeschichte aus Genesis 2 und 3, laut derer Eva aus der Rippe Adams entstand und den Sündenfall verschuldete, verhalf der Kirchenvater Aquin einem Denken zur Popularität, demnach die Frau von Natur aus eine andere Rolle als der Mann erfüllen muss.

Geschlechtsgleichheit vs. Geschlechtsdifferenz

WC

Geschlechtsdifferenz oder…

Um mit dieser Tradition zu brechen lag und liegt die Bemühung der Feministinnen oftmals darin, von der biologischen Norm abzusehen. Im westlichen Feminismus gestaltet sich dies prominent durch die Behauptung, Frauen seien genau wie Männer und es bestehe kein natürlicher, biologischer Unterschied zwischen den Fähigkeiten beider Geschlechter, Unterschiede seien ausschließlich kulturelle Konstruktionen, ganz nach Simone de Beauvoirs Ausspruch “Man wird nicht als Frau geboren, man wird zur Frau gemacht”. Es geht hier also im Wesentlichen um Geschlechtsgleichheit im Kontrast zur Geschlechtsdifferenz.

unisex

…Geschlechtsgleichheit?

Diesem Feminismus, u.a vertreten durch Alice Schwarzer, ist das Kopftuch natürlich ein Dorn im Auge. Das Kopftuch nämlich wird im Islam ausschließlich von Frauen getragen, seine Trägerinnen propagieren daher ein Geschlechtermodell, das von komplementären Geschlechterrollen, also einer Geschlechtsdifferenz, ausgeht. Auch westliche Feministinnen, z.B. Luce Irigaray, treten für die Geschlechtsdifferenz ein und machen sich damit immer wieder ein essentialistisches, d.h. biologistisches, Denken zum Vorwurf.

Verhüllung als religiöses Gebot 

Das Bedeckungsgebot ist in zwei Textstellen des Koran zu finden (Sure 24, Vers 30 & 32; Sure 33, Vers 59). In Afghanistan ist es die Burka, in Pakistan lediglich ein nicht alle Haare bedeckender Schal, in der Türkei der Türban und im Iran der Tschador – der übrigens in der iranischen Revolution 1979 ein Markenzeichen der rebellierenden, keineswegs der angepassten Frauen wurde. In Deutschland kann das Tragen des Kopftuches ein für die Frau individuell identitätsstiftendes, psychologisches Element der Kleidung sein, es kann auch für die Bekennung der Entdeckung des eigenen Glaubens stehen oder aber die mehr oder weniger (un-)reflektierte Ausführung der kulturell-religiösen Tradition bedeuten, das Mitmachen in einer Gemeinschaftskultur. Die Motive, ein Kopftuch zu tragen, sind vielfältig.

Auch in der christlichen Tradition gibt es das Gebot der Verhüllung. So schreibt der Apostel Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther: „Jede Frau aber, die mit unverhülltem Haupt betet oder prophezeit, schändet ihr Haupt; [...] Denn wenn sich eine Frau nicht verhüllt, dann soll sie sich doch die Haare abschneiden lassen! Wenn es aber für eine Frau schändlich ist, sich die Haare abschneiden oder sich scheren zu lassen, so soll sie sich verhüllen. Denn ein Mann braucht sich zwar nicht das Haupt verhüllen, weil er ein Bild und Abglanz Gottes ist; die Frau aber ist ein Abglanz [des] Mannes. Denn nicht stammt [der] Mann aus [der] Frau, sondern [die] Frau aus [dem] Mann.“ (1 Kor 11, 5-8)

Weding of dreams

Schade.

Später wurde der Schleier Symbol für die Jungfräulichkeit der Frau. Trotzdem begehrt niemand auf, wenn sich eine Frau bei ihrer Hochzeit für einen Schleier entscheidet.

Jede Frau sollte also die Freiheit haben, sich zu verhüllen, genauso, wie es ihr gestattet sein muss, sich zu entblößen, wenn sie will. Sich über ihre Verhüllung zu empören bedeutet, ihr die Mündigkeit abzusprechen, zu sagen: sie weiß nicht, was sie tut, sie ist fremdbestimmt.

Das Kopftuch: Flagge des islamistischen Kreuzzugs?

Für Feministin Alice Schwarzer ist das Kopftuch die Flagge des islamistischen Kreuzzugs, seine Verteidiger/innen nennt sie „westliche Differenzialistinnen“, weil sie die Geschlechtsdifferenz tolerieren bzw. unterstützen.

Das Kopftuch mit einem radikalen Islam aber gleichzusetzen ist eine einfache und daher gefährliche Masche. Denn erstens tragen nur 28 % der Muslima in Deutschland ein Kopftuch, davon machen es 6,9 % für ihren Mann oder ihre Familie. Von einer sich ausbreitenden Radikalisierung im Ausdruck des Kopftuches kann also nicht die Rede sein. Zweitens bedeutet die symbolische Verknüpfung von radikalem Islam und Kopftuch, das Kopftuch rein negativ zu besetzen, um sich und seine eigene Kultur als das „Bessere“ davon abzugrenzen. Diese Masche ähnelt der Argumentation der Kolonialmächte, die in ein „rückschrittliches“, „unzivilisiertes“ Land einmarschieren, um es zum Besseren zu bekehren. Im Falle des Kopftuches hier in Deutschland ist natürlich das Umgekehrte der Fall: nicht wir Deutschen ziehen hinaus, sondern andere wandern ein. Dennoch ist es meiner Meinung nach falsch, Religion und Geschlechtsdifferenz, die sich im Tragen des Kopftuches äußern, als „schlechter“ und „rückständiger“ zu brandmarken, ganz so, als seien Muslime die Christen, die wir noch vor der Französischen Revolution waren. Frau Schwarzer nährt damit den Glauben an die Überlegenheit der eigenen Kultur.

Alice Schwarzer zu Gast in der Talksendung “Menschen bei Maischberger” zum Thema “Schleier und Scharia

Das ist schade, da man die Debatte als Anlass nehmen könnte, sich zu fragen, was eigentlich gegen eine Anpassung spräche, gegen unsere Kultur, und für die uns fremde Praxis des Kopftuches. Man könnte sich fragen, zum Beispiel, warum es einige Frauen in unserem Land lieber zur Verhüllung als zu high heels und short pants zieht, lieber zur Befolgung der familiären Tradition als der staatlichen Freiheit und lieber zum Glauben als zum Nichtglauben. Diese Fragen würden unser Selbstverständnis natürlich ins Wanken bringen und ließen sich auch nicht für einen orthodoxen Feminismus, wie ihn Alice Schwarzer vertritt, instrumentalisieren.

Das Kopftuch ist kein Zeichen der Rückschrittlichkeit der muslimischen Frau. Es darf nicht als Vorstufe des Gleichen – unserer Kultur – angesehen, um anschließend überwunden zu werden. Es ist die Chance, die eigene Tradition infrage zu stellen und das andere anders sein zu lassen.

Clara Henssen, für Les Éditions du Crieur Public


Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>