Herausgeber Nicolas Bancel: Hagenbeck sollte eine Erinnerungstafel aufstellen

Vorbemerkung:
Nicolas Bancel ist Historiker und Experte für Kolonialgeschichte, postkoloniale Fragestellungen und körperliche Praktiken.  Er ist Professor an der Universität Straßburg und derzeit abgeordnet an die  Universität Lausanne.

CP: „Das Buch MenschenZoos ist das Ergebnis von 10 Jahren interdisziplinärer Forschungsarbeit. Das Werk offenbart uns den Übergang vom wissenschaftlichen zum populären Rassismus. Wie entstand die Idee, dieses Buch zu schreiben?“
NB: Den Ausgangspunkt bildete eine Gruppe junger Forscher innerhalb der Forschergruppe Achac[1], deren Ziel es war, alle Kulturprodukte zu untersuchen, die im Rahmen der Kolonisation entstanden sind: Kolonialromane, Filme, Postkarten, Fotografien, Zeitungsartikel, Comic-Hefte, Plakate, Theaterstücke, etc.. Dabei stießen wir auf einige Plakate, die für merkwürdige Veranstaltungen warben. Damals, Mitte der 90’er Jahre des letzten Jahrhunderts, haben wir die Bedeutung des Phänomens nicht sofort erfasst. Aber das Phänomen hatte uns neugierig gemacht und so begannen wir im Jahr 1999, in Zusammenarbeit mit der Forschergruppe CNRS[2] (Anthropologie  der Körperdarstellungen), geleitet von Gilles Boëtsch, über das  Thema zu forschen. So haben wir die besondere Bedeutung dieser Veranstaltungen entdeckt.

CP: Ist die Geschichte der „MenschenZoos“ inner- und außerhalb Europas denn tatsächlich kaum bekannt?
NB: Ja, sie war in der Tat weitgehend unbekannt. In Frankreich gab es bis 2001, dem Zeitpunkt des Erscheinens der ersten französischen Ausgabe des Buches MenschenZoos, hierzu lediglich zwei akademische Diplomarbeiten aber keine Dissertation und keine anderen wissenschaftlichen Untersuchungen. Seitdem hat unsere Gruppe zahlreiche internationaler Kolloquien veranstaltet: in Marseille, Paris und London, und demnächst wird es auch in Lausanne eins geben. Viele wissenschaftliche Artikel wurden zu dem Thema publiziert und das Werk erst ins Italienische und dann ins Englische übersetzt. Die 2011 in Frankreich veröffentlichte neue Auflage des Werkes enthält zu 50% neue Texte. Zudem läuft seit November 2011 eine Ausstellung in einem bedeutenden Pariser Museum, dem Musée du Quai Branly. Sowohl die Ausstellung als auch der Ausstellungskatalog stoßen auf äußerst reges Interesse. Zudem wurde ein Film über dieses Thema gedreht und von verschiedenen europäischen Fernsehsendern ausgestrahlt, in Deutschland von ARTE[3]. Heute weiß man also viel mehr über die MenschenZoos als noch vor wenigen Jahren.

CP: Zwischen 1800 und 1930 wurden in MenschenZoos „Wilde“ ausgestellt, und zwar so, wie der Westen sie sich ausgedacht hatte. Wer entwickelte dieses Konzept der „Menschenzoos“ und der „Wilden“?
NB: Das Konzept des Wilden existierte schon lang vor den ersten Menschenzoos. Bei alten Griechen etwa oder, uns räumlich und zeitlich näher, in der Romantik, wie sie sich in Frankreich im 18. Jahrhundert oder in Deutschland Anfang des 19. Jahrhunderts entfaltete.
Aber in Europa entwickelte die Wissenschaft zudem Ende des 18. Jahrhunderts das Konzept der „Rasse“. Dies stellte eine einschneidende Wende dar. Hierdurch veränderte sich die  Darstellung ethnischer Gruppen, die Darstellung der Welt und der Weltgeschichte zuerst in Europa und später in der ganzen westlichen Welt ganz grundlegend. In den MenschenZoos verschmelzen das Konzept des „Wilden“, welches nicht immer negativ, ja, manchmal sogar sehr positiv besetzt war, mit dem Konzept der „Rasse“, welches viel stärkere Festlegungen traf und stigmatisierte. Übrigens hat niemand den MenschenZoo „erfunden“. Der MenschenZoo entwickelte sich im Kontext der ersten Schaustellungen von „Wilden“ in Europa zu Beginn des 19. Jahrhunderts, den Veränderungen, denen der Zirkus in den Vereinigten Staaten unterworfen war, und der Odyssee der „Hottentottischen Venus“[4]. MenschenZoos wurden zu gewinnbringenden Unternehmungen, die ab dem Ende des 19. Jahrhunderts in organisierter Form weltweit angeboten wurden. Carl Hagenbeck, der bis dato die europäischen Zoos mit wilden Tieren belieferte, begriff im Jahr 1876, nach einer ersten Menschen-Ausstellung in Deutschland, wie hochprofitabel solche Veranstaltungen sein konnten. Er sollte zu Europas bedeutendsten Lieferanten von „Wilden“  werden.

CP: Die fremdartigen Menschen wurden hinter Barrieren oder Gittern ausgestellt, manchmal mahnte ein Schild: „Die Eingeborenen nicht füttern, sie werden ernährt“. Wofür wurden diese Männer, Frauen und Kinder, welche freiwillig oder zwangsweise aus Afrika, Asien, Ozeanien oder Amerika kamen, instrumentalisiert?
NB: Sie beziehen sich hier auf Veranstaltungen, die nur einen kleinen Teil des Spektrums der MenschenZoos abdecken, wie es sie vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Jahr 1930 gegeben hat. In den Schaustellungen, von denen Sie sprechen, wurde die angebliche rassische Unterlegenheit der Ausgestellten explizit thematisiert. Es ist aber auch wichtig zu wissen, dass es viele Ausstellungen gab, die in dieser Hinsicht nicht so eindeutig waren – auch wenn auch sie im Allgemeinen meist die „Rassenhierarchie“ abbilden wollten. Übrigens trat in den Gruppen der Ausgestellten schnell eine Professionalisierung ein, es wurden Verträge geschlossen und Gehälter vereinbart.
Instrumentalisiert wurden die Ausgestellten insofern, als diese Ausstellungen dem westlichen Publikum sinnliches Vergnügen verschafften, sie waren eine Zerstreuung, rückten das Außergewöhnliche, das Seltsame, das Fremde, das Exotische in greifbare Nähe, kurz sie entführten in einen Traum. Und sie bestärkten die Europäer in ihrem Gefühl der Überlegenheit. Sie allerdings nur auf die letztgenannte Dimension zu reduzieren wäre ein schwerer Irrtum.

CP: Die Besucher drängelten sich geradezu die „Wilden“ zu sehen. Konnten Sie feststellen, wie viele Menschen solche MenschenZoos besucht haben?
NB: Eine genaue Zahl kann man nicht ermitteln. Eine Schätzung ist jedoch möglich auf Basis der von uns dokumentierten Ausstellungen dieser Art: Demnach handelt es sich um mehrere hundert Millionen Besucher.
CP: Die große Faszination, die die exotischen „Wilden“ ausübten,  führte sehr schnell zur Entwicklung einer Industrie von „Völkerschauen“. Wie erklären Sie dieses Phänomen?
NB:  Ganz einfach aus dem Umstand, dass es bereits vor der Herausbildung der MenschenZoos einen „Markt“ für Exotik gab und auch Schaustellungen von Menschen gab es ja bereits vor den MenschenZoos:  körperlich auffällige Männer und Frauen wurden auf Jahrmärkten ausgestellt, entsprechend den US-amerikanischen Freak-Shows. Als Hagenbeck und nach ihm der in Europa und Amerika aktive Zirkusdirektor Farini begriffen, dass Völkerschauen Publikumsmagnete waren, als der Direktor des Pariser Zoos 1877 entdeckte, dass seine Zuschauerzahlen durch Völkerschauen signifikant in die Höhe schnellten, wollten sie dieses Erfolgsrezept natürlich immer wieder anwenden. Das Ethno-Spektakel nahm damit einen prominenten Platz unter den Zerstreuungen der Europäer und Amerikaner ein.

CP: Will Ihr Buch aufrütteln?
NB: Unser Buch rüttelt tatsächlich auf, aber dies war nicht das Ziel, sondern das Ergebnis unserer Forschungen.

CP: Die MenschenZoos verschwanden in den 1930-er Jahren. Gab es hierfür moralische Gründe?
NB:  Vor allem wurden Völkerschauen durch andere Medien ersetzt, die populärer waren und die die Einbettung in narrative Zusammenhänge sowie die Inszenierung des Spektakulären besser und innovativer unterstützten als die MenschenZoos. Hier ist insbesondere das Kino zu nennen. Zudem wollten die Kolonialmächte keine herabwürdigenden Veranstaltungen mehr, da diese ihre neue Propagandalinie unterliefen, wonach die Kolonisierung die „Zivilisation“ in den Kolonien glänzend gefördert habe. Wenn nun aber weiterhin fürchterliche „Wilde“ zur Schau gestellt wurden, wie die „Kanaken-Kannibalen“ im Bois de Vincennes bei der Internationalen Kolonialausstellung des Jahres 1931, dann würde das ja bedeuten, dass das die „kolonialen Errungenschaften“  eine Lüge seien.… So wurden die Völkerschauen politisch kontra-produktiv. Frankreich verbot diese Form von Veranstaltungen im Jahr 1932.

CP: Auch heute noch gibt es Vorurteile, wie manifestiert sich nun diese Ablehnung des Anderen?
NB: Diese Frage ist zu weit gefasst, um eine kurze Antwort darauf geben zu können. Vorurteile zeigen sich in mannigfaltiger Weise, es gibt den gewöhnlichen Rassismus und die Diskriminierung (bei der Arbeit oder bei der Wohnungssuche), Vorurteile sind auch in einer europäischen Politik erkennbar, die sich angstvoll gegen Migranten und „Ausländer“ abschottet, oder auch in bestimmten Filmen, Büchern, Bildern, etc. Wir sind weit davon entfernt, alle Vorurteile ausgeräumt zu haben – und übrigens ist es eine Illusion zu glauben, man könne alle Vorurteile abschaffen. Anthropologisch gesehen, haben sie auch etwas Nützliches: es geht um den eigenen Platz in der Welt und darum, die Welt zu verstehen. Hingegen ist es natürlich mehr als gerechtfertigt, die gefährlichsten Vorurteile aufzulösen, die potentiell zu kriminellen Handlungen führen können.

 

CB: In Paris haben Sie verlangt, dass im Jardin d’Acclimatation eine Erinnerungstafel aufgestellt wird, mit welcher der ausgestellten Männer, Frauen und Kinder gedacht werden soll, von denen einige unter unmenschlichen Umständen gestorben sind. Denken Sie, dass alle Zoos, in denen es solche Ausstellungen gab, eine Erinnerungstafel aufstellen sollten?
NB: Zuerst ist festzuhalten, dass die Zoos nur einen kleinen Teil der Völkerschauen ausgerichtet haben. Ich bin nicht dafür, dass an allen Orten, an denen MenschenZoos stattfanden, Erinnerungstafeln aufgestellt werden: an vielen Orten dürften solche Veranstaltungen stattgefunden haben, ohne dass man Genaueres darüber weiß.
An einigen besonderen, symbolischen Orten wäre es aber doch gut.

CP: Wie sehen Sie dies in Bezug auf den Hamburger Tierpark Hagenbeck?

N.B.: Ja, der Tierpark Hagenbeck in Hamburg ist solch ein symbolischer Ort, dort hielte ich die Aufstellung einer Erinnerungstafel tatsächlich für angebracht.


Fußnoten:

[1] Achac ist eine seit 1989 bestehende, renommierte Forschergruppe mit Sitz in Paris, deren Schwerpunktthemen Kolonisation,  Immigration und Post-Kolonialismus sind.

[2] CNRS ist das Centre national de recherche scientifique, übersetzt das „nationale Zentrum für wissenschaftliche Forschungen“. Es ist eine der führenden französischen Forschungseinrichtungen.

[3] Der ARTE Film Menschenzoos kann in mehreren Teilen auf www.crieur-public.com angesehen werden.

[4] Als „Hottentottische Venus“ wurde die Südafrikanerin Swatche berühmt. Sie wurde  1810 nach England gebracht und dort auf den Namen Saartjie Baartman getauft. Wegen ihres übergroßen Gesäßes und der übermäßigen Ausprägung ihrer inneren Schamlippen galt sie als Sehenswürdigkeit und wurde in London und Paris einem großen Publikum von Schaulustigen und Wissenschaftlern als solche präsentiert.  In Paris bescheinigte man ihr sogar „wissenschaftlich“ eine affenähnliche Entwicklungsstufe. Sie starb jung, und von ihrem toten Körper fertigte man einen Gipsabdruck, den man für weitere hundert Jahre ausstellte. Bis zum Jahr 2002 lagerten diverse Organe weiterhin in einem Pariser Museum und wurden immer mal wieder untersucht. Schließlich wurden sie an die Republik Südafrika zurückerstattet, um der Verstorbenen, wie es offiziell hieß, ihre Würde zurückzugeben. Am 9. August 2002 wurde Saartjie Baartman in Anwesenheit des südafrikanischen Präsidenten Mbeki im Rahmen eines Staatsaktes bestattet.
Ihre Geschichte ist im Detail nachzulesen im 2. Kapitel des ersten Teils von MenschenZoos.

 

Das Interview wurde von Yasmine Azzi-Kohlhepp geführt.


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