FROM SAMOA – WITH LOVE ?

1900 Unsere neuen Landsleute aus Samoa, Berlin (Postkarte aus der Collection Radare)

1900: Unsere neuen Landsleute aus Samoa, Berlin (Postkarte aus der Collection Radauer)

Von Januar bis November zeigte das Museum Fünf Kontinente München die Ausstellung „From Samoa – with love?“ Ein Rückblick.

Ausgehend von einigen Wertgegenständen, die der Samoanische Häuptling Tupua Tamasese Lealofi dem bayerischen Prinzregenten 1910 im Rahmen einer in München stattfindenden Völkerschau schenkte, hat sich Kuratorin Hilke Thode-Arora auf die Suche nach Spuren der deutsch-samoanischen Kolonialgeschichte gemacht. Ihre jahrelange Forschungsarbeit, während der sie u.a. Nachkommen ausfindig machte und interviewte, Briefe analysierte sowie Postkarten und Fotos auswertete, lässt die deutsch-samoanischen Völkerschauen in einem spannenden und zugleich differenzierten Licht erscheinen.

Auf samoanischer Seite zeugen noch deutsche Namen, deutsches Bier und Essen sowie die Polizeikapelle, die Montags bis Freitags um 8.45 Uhr bayerische Blasmusik spielt, vom deutsch-samoanischen Verhältnis, welches historisch mit dem Jahr 1899 seinen Anfang fand:

1899 nämlich besuchte eine internationale Kommission die samoanischen Inseln und entschied, das samoanische „Königtum“ abzuschaffen und die Inselgruppe in ein deutsches (Westliche Inseln) und amerikanisches (Östliche Inseln) Schutzgebiet aufzuteilen. Anfang 1900 wurde Westsamoa offiziell dem deutschen Kolonialreich einverleibt und stand bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 und der Übergabe des Schutzgebiets an Neuseeland unter seinem Einfluss.

Und, war die deutsch-samoanische Beziehung von Liebe geprägt? Das ist die Frage, die über der Ausstellung schwebt. Der Titel drückt die Ambiguität der Beziehung zwischen Kolonialmacht und Kolonierten aus und spielt auf verschiedene Ebenen dieser Beziehung an.

“With love”: die englische Grußformel in Briefen

So war „with love“ eine häufig verwendete Grußformel in den Briefen, die die Samoaner während der Völkerschau-Aufenthalte zwischen Deutschland und Samoa hin und her schrieben. Die Ungleichheit zwischen den Völkerschau-Teilnehmern und denjenigen, die sie ausrichteten, war strukturell wegen der Kolonialzeit gegeben. Dass dieser historische Rahmen aber nicht zwangsläufig bedeutete, dass die Teilnehmer ausschließlich teilnahmslose Opfer waren, darauf legt die Ausstellung Wert. So zeigen die Briefe, dass von samoanischer Seite gegebenenfalls in den Ablauf der Völkerschauen eingegriffen wurde. Im Falle der wegen ihrer außerordentlichen Schönheit bewunderten Fai beispielsweise lässt sich das nicht eindeutige Machtverhältnis dokumentieren: Fai wurde in einer Völkerschau wegen ihrer Schönheit besonders herausgestellt und vielfach gemalt und fotografiert, diese Sonderstellung entsprach aber nicht ihrer Position in der klassischen samoanischen Gruppenhierarchie. Der um sie erregte Tumult verärgerte die Samoaner zuhause, sodass die Veranstalter, die Brüder Marquardt, in der darauffolgenden Völkerschau darauf achteten, die Herausstellung einer Schönheit zu unterlassen.

Neben Abenteuerlust und der Möglichkeit, Geld zu verdienen, bedeutete eine Reise nach Deutschland für die Samoaner auch einen Wissens- und Prestigevorsprung: sie konnten sich ein Bild von ihrer „Schutzmacht“ machen und Adlige und Würdenträger treffen, was ihren Status zuhause verbessern konnte. Die Reisen nach Deutschland wurden als malaga aufgefasst, als Besuchsreise einer Gruppe in ein fremdes Territorium, wo sich die Gäste mit musikalischen, tänzerischen und kulinarischen Vorstellungen bei den Gastgebern für die Bewirtung bedanken. Schon allein diese Tatsache zeigt deutlich, dass die Völkerschauen auf einem gegenseitigen Geben und Nehmen basierten, dies zumindest so wahrgenommen wurde – selbst wenn die manchmal prekäre Versorgung während der Völkerschauen und die menschenverachtende Situation des Angestarrtwerdens und der ethnischen Ausgrenzung außer Frage stehen. In ihren Interviews mit den Nachkommen der Völkerschau-Teilnehmer – auch das erfährt der Besucher der Ausstellung – stieß die Kuratorin interessanterweise in keinem Fall auf Erinnerungen der Demütigung, sondern im Gegenteil auf Überlieferungen davon, wie erträglich die Völkerschauen für die Samoaner selbst waren.

Das Interesse an der Ausrichtung der Völkerschauen war auf deutscher Seite eindeutig: das Kaiserreich wollte den Bewohnern der Kolonie seine Stärke demonstrieren, um seine Vormachtstellung gegenüber anderen europäischen Mächten in Samoa zu sichern, nach dem Motto „Widerstand zwecklos“. Dazu mischte sich das Interesse der Unterhaltungsindustrie, in diesem Fall repräsentiert durch die Brüder Marquardt, die die Völkerschauen als einen lukrativen Geschäftszweig nutzten. Die Verkitschung Samoas, der „Perle des Pazifiks“, drückt zudem die Sehnsucht nach einer heilen, unberührten, „wilden“ Welt bei gleichzeitiger Abgrenzung von ihr aus.

Liebe als Begehren

Diese nicht ganz unschuldige Sehnsucht nach der “Südsee” ist ebenso im Titelwort „Liebe“ enthalten, im Sinne von Begehren: Thode-Arora hat die Teilnehmerlisten der Völkerschauen minutiös rekonstruiert und macht im Ausstellungskatalog, in ihrem Aufsatz „Samoanische Mädchenschönheiten“, auf das ungleiche Geschlechterverhältnis der Darstellergruppen aufmerksam. In Deutschland warben Plakate mit den „samoanischen Mädchenschönheiten“. Die schönen, jungen Samoanerinnen waren gegenüber den männlichen und älteren Samoanern in der Überzahl und lösten in den männlichen deutschen Betrachtern – darunter Journalisten und Künstler – starkes Begehren aus. Ein Journalist schrieb „Einige dieser Frauen und Mädchen zeichnen sich durch hervorragende Schönheit aus, wahre Marzipanpüppchen mit Chocoladenüberzug [...]“. Ein anderer Journalist rühmt das „Natürliche“ der Samoanerinnen: „Bei den Samoanerinnen ist alles Natur, umgeben von einem poetischen Hauch, die Ursprünglichkeit des Ausdrucks ungekünstelten Empfindens, absoluter Mangel des Bewußtseins, daß sie durch Enthüllung des Körpers irgendwelchen Einfluß auf die Sinneslust ausüben könnten…“.

Die Samoanerinnen beflügelten die deutschen Fantasien und boten eine ausgezeichnete Projektionsfläche für Träume von der Exotik und der Ferne. Bestes Beispiel ist Fantast und Schriftsteller Karl May, der eine kleinere Erzählung in (dem von ihm fantasierten) Samoa spielen lässt. In seiner Villa Shatterhand, benannt nach seiner Figur Old Shatterhand aus der „Winnetou“-Romanreihe, befanden sich viele Objekte, die von seinen fingierten Abenteuerreisen zeugen sollten. In seinem Arbeitszimmer befand sich auch ein samoanischer Rindenbaststoff, mit dem May seine Reise nach Samoa bezeugen wollte. Auch den Dichter Joachim Ringelnatz schlug Samoa in seinen Bann: An den „bronzefarbenen, dunkelhaarigen Weibern“ in der Völkerschau konnte er sich nach eigener Aussage „nicht sattsehen“. In Bildern der Brücke-Maler Ludwig Kirchner (Rudernde Samuanerin) und Erich Heckel (Samoanerinnen) sind die Darstellerinnen der Völkerschauen ebenfalls abgebildet.

Erschreckend ist die Aufzeichnung des Philosophen und zugleich Musikliebhabers Theodor W. Adorno in seinen musiktheoretischen Schriften, in der er vom Rohen in der Kunst spricht und dabei auf seine Erfahrung in einer Samoa-Völkerschau verweist. Der samoanische Häuptling trommele auf den Köpfen von Gefangenen oder auf einem Mörser, in dem die Samoaner Menschenfleisch abkochten. Adornos Idee vom „Wilden“ deckt sich aber nicht mit der Realität, da weder Kannibalismus noch das Trommeln auf Köpfen von Menschen zur samoanischen Kultur gehörte.

Die deutsche Liebe zu den „Exoten“ war eng mit dem verknüpft, was Ethnolgen ethnic othering nennen. In der Liebe zu den Samoanern steckte wenig Altruismus und viel Eigennutz, denn indem die Samoaner zu den „Wilden“ verklärt wurden, wurden sie auch als etwas radikal anderes interpretiert und als Vorlage genutzt, die eigene deutsche Identität zu erkunden.

Die uneigennützige Liebe und echte Liebesgeschichten

Im samoanischen Gruß Talofa ist das Wort alofa – „Liebe“enthalten, in dem aber auch Großzügigkeit und Uneigennützigkeit mitschwingt. Das Fragezeichen im Titel der Ausstellung befragt diese Liebe oder Uneigennützigkeit und kommt schließlich zu dem Fazit, dass die Deutschen zum größten Teil von den Völkerschauen profitierten, die Samoaner allerdings ebenso ihr politisches Kalkül dabei hatten.

Die Ausstellung „From Samoa – with love?“ erzählt aber auch von der tatsächlichen Liebe, die zwischen Samoanerinnen und Samoanern zustande kam. Mehrere Liebesgeschichten sind überliefert, sogar ein paar zwischen deutschen Männern und samoanischen Frauen. Einige Enkel- und Urenkelgenerationen sind aus diesen Verbindungen hervorgegangen.

 

Quellen: Ausstellung München „From Samoa – with love?“ im Museum Fünf Kontinente und der dazugehörige Ausstellungskatalog (Thode-Arora, Hilke (Hrsg.): From Samoa with love? Samoa-Völkerschauen im deutschen Kaiserreich. Eine Spurensuche. München 2014.)


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