“Eine dunkle Vergangenheit, die nicht vergeht” von Peer Zickgraf

Peer Zickgraf, Gründungsredakteur des Projekts einseitig.info und Geschäftsführer des gemeinnützigen Vereins “Netzwerk freier Kulturjournalisten” im Gespräch mit Yasmine Azzi-Kohlhepp, Journalistin und Verlegerin von Les Éditions du Crieur Public, und Sandrine Lemaire, Mitautorin von „MenschenZoos“.

Am 25. April 2013 hält Peer Zickgraf an der Uni Marburg einen Vortrag zum Thema „Menschenzoo. Völkerschau und Totentanz. Deutsches Körperweltentheater von 1905 bis heute“. Passend dazu führte er ein Interview über das deutsch-französische Projekt „MenschenZoos“ mit Verlegerin Yasmine Azzi-Kohlhepp und Autorin Sandrine Lemaire.

Einseitig.info: Was erhoffen Sie sich von der Publikation „MenschenZoos. Schaufenster der Unmenschlichkeit“?

Yasmine Azzi-Kohlhepp: Das Thema ist für uns sehr interessant: Es hat mit Carl Hagenbeck in Hamburg angefangen und wir wollen erreichen, dass die Menschen in Hamburg und anderswo erfahren, was im Hagenbeckschen Tierpark passierte. Wir wünschen uns, dass dieses Thema popularisiert wird. Unser Buch ist auch für das breite Publikum interessant und fesselnd.

Einseitig.info: Sie haben erreicht, dass die Vorstellung des Buches im Völkerkundemuseum stattfand. Wie kam es dazu?

Azzi-Kohlhepp: Wir arbeiten gemeinsam mit Professsor Köpke, dem Leiter des Hamburger Völkerkundemuseums, daran, eine Ausstellung zum Thema Menschenzoo / Völkerschauen zu veranstalten. Vorlage ist eine für Frankreich, England, Italien und Spanien bereits umgesetzte Wanderausstellung, welche auch von Lilian Thuram, dem schwarzen französischen Ex-Fußballnationalspieler, unterstützt wird. Wir sind der Meinung, dass man auch in Deutschland das Thema aufgreifen sollte, um auch stärker auf die jüngere Generation zuzugehen und dieser zu vermitteln, durch welche verschiedenen versteckten Quellen Rassismus verstärkt und verbreitet wird. Interessant ist auch, dass die fünf Herausgeber des Buches über internationale Kontakte verfügen, die bis nach Südamerika reichen.

Einseitig.info: Wie haben Sie den Urenkel von Dr. Carl Claus Hagenbeck erreicht. Welche Reaktion auf das Buch haben Sie wahrgenommen?

Azzi-Kohlhepp: Wir waren zunächst überrascht, dass Herr Dr. Hagenbeck zur Vorstellung des Buches gekommen ist. Unser Wunsch ist es, dass eine Ausstellung bei ihm (dem Tierpark Hagenbeck) stattfinden kann. Wir haben Hagenbeck einen Brief geschrieben und ihm erklärt, was wir vorhaben, und dass wir Fotomaterial bräuchten. Darauf bekamen wir als Antwort, dass wir Kontakt mit seinem Archivar aufnehmen sollten, der uns zwei unbedeutende Fotos verkaufen wollte, das heißt für jedes Foto verlangte der Zoo 40 Euro. Das fand ich empörend: Der Urenkel von Hagenbeck wollte erneut Profit aus dem Thema ziehen! Die Völkerschauen sind zwar kein angenehmes Thema (weder für ihn noch für sonst jemanden), aber man muss sich gleichwohl damit beschäftigen. Ich denke, dass die Franzosen noch größere Probleme mit ihrem kolonialen Erbe haben als die Deutschen. Allerdings sollte man dieser historischen Auseinandersetzung nicht aus dem Weg gehen.

Einseitig.info: Was ist das Besondere Ihres Verlages?

Azzi-Kohlhepp: Wir suchen neue Autoren für relevante Themen, mit denen wir die sozialwissenschaftlichen und historischen Forschungen popularisieren können. Für mich als ehemalige Journalistin ist es wichtig, Brücken zwischen Deutschland und Frankreich zu schlagen. Frankreich ist sehr interessiert an interessanten deutschen Publikationen. Unser Verlag eröffnet die Möglichkeit, deutsch-französische Verbindungen zwischen Autoren, Journalisten und Wissenschaftlern aufzubauen.

Einseitig.info: Warum haben Sie eine deutsche Fassung Ihres Buches veröffentlicht?

Sandrine Lemaire: Das Hauptinteresse ist auch die deutschen Lesen zu erreichen. Bisher gab es das Werk in französischer, englischer und italienischer Sprache. Selbst wenn viele Deutsche in der Lage sind das Werk auch auf Englisch zu lesen, so ist es doch leichter es in seiner jeweiligen Muttersprache zu lesen. Hinzu kommt, dass es für die jeweilige Landesausgabe landespezifische Texte gibt. Die Übersetzerin hat eine exzellente Arbeit geleistet – das Buch ist sehr gut und einfach zu lesen. So konnten wir unseren Untersuchungsbereich auch geographisch um den deutschsprachigen Teil Europas erweitern.

Der zweite Punkt war, dass wir die Untersuchungen auch in einem deutschen Umfeld vorstellen wollten – denn Deutschland war eine der „Wiegen“ des Menschenzoos und der Völkerschauen. Daher wollten wir mit Deutschen zusammen arbeiten, um unser Forschernetzwerk zu erweitern und zu vergrößern.

Einseitig.info: Gibt es in Bezug auf die Menschenzoos und Völkerschauen eine deutsche Besonderheit?

Lemaire: Es gibt tatsächlich eine deutsche Besonderheit. Diese besteht nicht in dem Phänomen „an sich“. Dieses begann bereits zu früheren Zeiten und anderswo mit den sogenannten Freak Shows, wo alle möglichen Menschen ausgestellt wurden, die als „anormal“ oder als „Monster“ präsentiert werden konnten. In London wurde bereits in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Gruppe von Hottentotten ausgestellt, ebenso in Paris.

Die Besonderheit des deutschen Modells bestand darin, dass die Menschen tatsächlich in den Tierparks, den Zoos, ausgestellt wurden, also zwischen und zusammen mit den Tieren. Die Idee war die Menschen hinter Zäunen und Barrieren mit den Tieren auszustellen – diese Idee wurde später in Frankreich übernommen. Eine weitere deutsche Besonderheit ist, dass ein einziger Unternehmer, nämlich Carl Hagenbeck, den Markt weitgehend beherrschte.

Einseitig.info: Gab es so etwas wie ein Monopol?

Lemaire: Ja, es gab nahezu ein Monopol im deutschsprachigen Raum. In der Folge entwickelte Hagenbeck ein deutsches Erfolgsmodell mit Dekorationen, die für die aufeinanderfolgenden „exotischen Darsteller“ wechselten. Hagenbeck war ein Marketinggenie und schaffte es in sehr lukrativer Form die Menschenmassen anzuziehen, indem er die ausgestellten Menschen als fremd, merkwürdig oder exotisch darstellte. So erschuf er viele Attraktionen für seinen und andere zoologische Gärten.

In Frankreich, England oder den USA gab es Unternehmer, die ein, zwei Ausstellungen organisierten und dann vielleicht wieder aufhörten. Hagenbeck ließ seine vielen Ausstellungen wandern, durch Deutschland, nach Österreich, nach Ungarn etc.. Ein weiteres Differenzierungsmerkmal ist die sehr unterschiedliche Kolonialgeschichte in Deutschland, Frankreich und Großbritannien.

Einseitig.info: Sehen Sie Parallelen zwischen Hagenbeck und Gunther von Hagen?

Lemaire: Ich erkenne keinen Zusammenhang. Ich denke, es ist besser jeden Bereich für sich zu betrachten. Jedes Thema ist in seinem historischen Zusammenhang zu sehen. So wird in Frankreich aktuell das Thema „Algerienkrieg“ neu aufgerollt und debattiert.


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