Die Lust des Kaiserreichs an der Exotik – Als Menschen aus fernen Ländern wie Zootiere vorgeführt wurden

Die Zeitschrift P.M. berichtete im Juli über Völkerschauen. Der Crieur Public fasst die wichtigsten Punkte zusammen.

P.M. Magazin Juli 07, 2014, Überschrift

Deutscher Kaiser Wilhelm II. zu Besuch im Zoologischen Garten in Hamburg, um 1900 (aus der Collection Radauer)

Autorin Christine Schulz gibt zunächst die Schicksäle der fünf Seenomaden vom Volk der Kawesqar aus Chile wieder, die in den europäischen Großstädten auf Völkerschauen „vorgeführt und begafft“ worden seien. Die Nomaden mit überlieferten Namen Henry, Lise, Grethe, Piskounas und Capitán seien sieben Monate zu dieser Tätigkeit gezwungen und auf Plakaten als „die Wilden von den Feuerlandinseln“ beworben worden. Im Frühjahr 1882 seien alle fünf kurz nacheinander an Lungenentzündung oder Masern gestorben.

Die Darsteller unterschrieben Verträge

Der Zwang sei allerdings eher die Ausnahme gewesen, zumindest, wenn man der Historikerin Anne Dreesbach und ihrem Buch „Gezähmte Wilde: Die Zurschaustellung ‚exotischer’ Menschen in Deutschland 1870-1940“ Glauben schenken will. Nach Schulz schreibe Dreesbach darin, dass die Auftretenden in den Völkerschauen „nicht allein als hilflose Objekte der europäischen Willkür zu betrachten“ seien. Denn die Darsteller, schreibt Schulz, hätten Verträge geschlossen, in denen Arbeitszeiten, Aufgabe, Bezahlung und Versorgung festgelegt wurden. Außerdem wäre es ohne Zustimmung der lokalen Behörden nicht zur Ausfuhr von Menschen gekommen.

Verträge seien allerdings oftmals missachtet worden und selbst die Impfpflicht, die ab den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts gegolten habe, hätte nicht verhindern können, dass die Darsteller fremde Krankheiten in ihre Heimat schleppten.

Exponat aus der Collection Radare, P.M. Magazin Juli 2014

Hamburg um 1900: Werbeplakat für eine Völkerschau im Zoologischen Garten

Ein gutes Beispiel nicht nur für die Freiwilligkeit der Darstellungen, sondern auch des Profits, den sie ermöglichten, sei der Fall Hersi Egeh Gorseh aus Somaliland: Gorseh kam mit seiner Familie – einer Frau und sechs Kinder – ab 1895 mehrmals nach Deutschland, um in „Somalidörfern“ seinem „authentischen“ Alltag nachzugehen. Als die Familie in ihre Heimat zurückkehrte, führte sie Nähmaschinen im Gepäck, mit deren Hilfe sie ein Textilimperium aufzubauen wussten.

Vom späten 19. bis ins frühe 20. Jahrhundert seien 30.000 Menschen aus den verschiedensten Ländern in die westliche, die sogenannte „zivilisierte“, Welt gekommen, um in Völkerschauen aufzutreten. Ein Einreisestopp für Menschen aus den eigenen Kolonien habe 1901 allerdings das deutsche Kaiserreich erteilt, aus Angst, die Fremden könnten nach ihrer Heimreise eine Gesellschaft nach Vorbild der deutschen anstreben und das Kolonialsystem usurpieren.

Tagsüber Hula-Hula, abends Foxtrott

Die Einstellungskriterien ließen sich an einer Hand abzählen: Historikerin Hilde Thode Arora, Kuratorin der derzeitigen Münchener Ausstellung „From Samoa with Love?“, nenne genau drei: Erstens Exotik, zweitens physische Absonderlichkeiten sowie drittens eine idyllische Lebensweise.

Schulz berichtet in ihrem Artikel weiter von lustigen Vorfällen, Tricks etwa, derer sich die Darsteller bedienten, um ihrem Grad an Exotik für die Zuschauer zu erhöhen.

Die Frauen einer Truppe aus der deutschen Kolonie Samoa beispielsweise seien 1910 vom deutsch-kolonialen Polizeipräsidenten angeheuert worden. Erst auf dem Weg nach Europa, in Sydney, hätten sie sich in ihre „Trachten“ eingehüllt. Sie hätten Rüschenkleider erworben, um in Europa die Klischees erfüllen zu können, was ihnen auch gelungen sei, denn sie seien mehrmals die Attraktion auf dem Münchner Oktoberfest gewesen, wo sie u.a. der deutsche Kaiser höchstpersönlich bestaunt habe.

Wie wichtig die Exotik für die Betreiber war, zeigt auch der Vorfall von 1931, als in Hamburg eine Gruppe Neukaledonier frühzeitig nach Hause geschickt werden musste, „weil einige von ihnen abends in europäischen Anzügen durch die Stadt flanierten“. Auch sei von einer Truppe Polynesier zu berichten, deren Zoodirektor sich wortwörtlich darüber beschwert habe, dass sie „tagsüber Hula-Hula, abends Foxtrott und Shimmy auf der Reeperbahn“ tanzten.

Frauenscharen warteten den “Exoten” auf und Künstler fühlten sich von den Völkerschauen inspiriert

Des weiteren erzählt Schulz vom weiblichen Andrang auf die Völkerschauen. Wohl habe es einige Frauen derart zu den exponierten Männern gezogen, dass in Berlin sogar die Polizei habe anrücken müssen, um die reibungslose Abreise einer Nubier-Truppe zu gewährleisten. Die Polizei habe, schreibt Schulz, „mit gezogenem Säbel und vorgehaltenem Revolver“ Wache gestanden. In Dresden hätten junge Frauen sogar mit gepackten Koffern vor dem „Exotenzelt“ gestanden.

Neben diesen unterhaltenden Anekdoten erwähnt Schulz am Rande, dass nicht nur Wissenschaftler ein gefundenes Fressen an den Ausstellungen fanden und allerhand Vermessungen durchführten und damit ihre Rassentheorien nährten, sondern dass auch Maler wie die Brücke-Maler Ernst Ludwig Kirchner und Erich Heckel ihre Arbeit mit den Völkerschauen zu verbinden wussten: in der Berliner Samoa-Schau von 1910 hätten sie sich Inspiration für ihre Bilder geholt. Aber auch der Dichter Joachim Ringelnatz habe eine Völkerschau besucht und die Insulaner hinterher ehrfurchtsvoll als „Gestalten aus heller Bronze“ beschrieben.

Letzte Völkerschauen in den 50er Jahren auf dem Oktoberfest

Interessanterweise habe es übrigens für die Veranstalter, die eine Nähe zur Wissenschaft vorgaben und mit „wissenschaftlicher Expertise“ warben, eine Steuervergünstigung gegeben. Die „Lustbarkeitssteuer“ sei für diese Unternehmer weggefallen.

Einen Einbruch habe die Industrie nach dem Ersten Weltkrieg mit der Popularisierung des Kinos erfahren. Die Exotik, die Kinofilme transportierten, habe das Bedürfnis in der westlichen Bevölkerung nach den Völkerschauen ausgebremst.

1940 dann seien Völkerschauen von den Nationalsozialisten verboten worden, schreibt Schulz. „Nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern aus Furcht, es könne zu „Rassenmischung“ kommen.

Die letzten Völkerschauen hätten in den 1950er Jahren auf dem Münchner Oktoberfest stattgefunden. Der beginnende Ferntourismus schließlich habe die Schauen zum Verschwinden gebracht. Wer heute „Exoten“ sehen wolle, der sehe sie sich vor Ort an. „Dort”, schreibt Schulz, “heißt das dann Folklore.”

Quelle: Schulz, Christine: Die Lust des Kaiserreichs an der Exotik. In: P.M. Magazin – mehr wissen, mehr verstehen, Juli (2014), S.89-93.

 


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