Die Installation „Exhibit B“: Der „MenschenZoo“, der Furore macht

Kolonisation und Fremdheit, das sind die Themen, die das dritte Kulturfestival von Poitiers „Haut des Tigers und Schwarzen Peters“, ausgerichtet von der Universität, des Theaters und Auditoriums Poitiers, vom 12. bis 16. November bestimmten. Die Ausstellung „MenschenZoos: Die Erfindung des Wilden“ der Forschungsgruppe Achac wurde zum Auftakt des Festivals von Pascal Blanchard und Lilian Thuram eröffnet.

Brett Bailey mit einem der Perfomance-Künstler

Brett Bailey mit einem der Perfomance-Künstler

Die wandernde Performance Ausstellung Exhibit B des südafrikanischen Dramatikers und Installationskünstlers Brett Bailey zielt darauf, den Rassismus in der Gesellschaft offenzulegen, indem in 12 Live-Bildern Szenen aus Völkerschauen bzw. Menschenzoos nachempfunden werden. Die zunehmend polarisierende Ausstellung tourt bereits seit 2010 durch Europa. Letzten Donnerstag eröffnete die Installation im Théâtre Gérard Philipe bei Paris, nachdem sich die Künstler und Aussteller in London mit Rassismusvorwürfen und öffentlichen Protesten konfrontiert sahen und das Unternehmen dort abbrechen mussten. Vom 7. bis 14. Dezember wird sie in Paris im Cent Quatre zu sehen sein.

Szenen aus "Exhibit B"

Szenen aus “Exhibit B”

Der Crieur Public hat Pascal Blanchard, Historiker und Spezialist für französische Kolonialgeschichte, interviewt, um über die Geschichte der Menschenzoos im französischen Kontext vor dem Hintergrund der aktuellen Ausstellung Exhibit B zu sprechen.

Nach dem Londoner Barbican Theatre hat nun auch das Theater Gérard-Philipe im Pariser Viertel Saint-Denis dem Druck nachgeben und die Ausstellung am 27. November absagen müssen. Was halten Sie von dieser Zensur?

Ich bin gegen diese ganze Zensur. Ich bin sogar absolut gegen den Gedanken, ein Kunstwerk zu verbieten. Die Geschichte hat uns doch gezeigt: ein Kunstwerk zu verbieten endet nie gut. Dieses Performance-Stück [„Exhibit B“] ist nicht rassistisch, im Gegenteil. Mit sensibilisierten Darstellern zeigt die Installation was die Menschenzoos damals waren, um sie eben ganz klar abzulehnen. Die ganze Debatte um das Stück Exhibit B des südafrikanischen Künstlers Brett Bailey ist unglaublich: er kommt zurück nach Frankreich, nachdem er in Avignon und Paris 2013 damit sehr erfolgreich war. Plötzlich kopieren die Franzosen den Boykott der Engländer auf der anderen Seite des Ärmelkanals, ohne das Stück überhaupt gesehen zu haben. Die Debatte heizt sich auf und plötzlich heißt es: dafür oder dagegen! Der Appel des französischen Kollektivs ist ziel- und gehaltlos. Ich zitiere: „Es ist schon erstaunlich, dass man die Bevölkerung in einem gemischten Viertel im Norden von Paris dazu einlädt, über den Rassismus eines Südafrikaners zu erfahren“. Ein „Weißer“ (sogar in Afrika geboren), heißt es, könnte das Ausmaß der Schrecklichkeit eines Menschenzoos garnicht begreifen. Ein Weißer hat nicht das Recht, „das zu tun“. „Es ist umso schockierender, da die Möglichkeiten schwarzer Künstler, ihre Werke in diesen extrem prestigeträchtigen kulturellen Zentren zu präsentieren, normalerweise extrem limitiert sind“. Es sei die Aufgabe der schwarzen Künstler, und allein ihre, über diese Themen zu reden.

Ist doch komisch, dabei diejenigen zu vergessen, die sich bereits seit Jahren an diesen Themen abarbeiten, wie Coco Fusco, der sich in einen Käfig stellt, um die Menschenzoos anzuprangern, und Bintou Dembélé mit seinem Tanzprojekt Z.H., oder die Fotografin Ayana V. Jackson, die die Fotografie der Menschenzoos wieder aufnimmt, sie verfremdet und sich selbst in diese rassistischen Blickkonstruktionen einsetzt. Niemand erwähnt diese Künstler. Null Erwähnungen. Als ob jetzt alle Kritik auf diesen „Weißen“, der es wagt, Schwarze „zu zeigen“, niederprasseln müsste. Schlimmer noch, ein Weißer, der auf immer durch die Apartheid gebrandmarkt ist…es steht viel auf dem Spiel. Das Thema Menschenzoos ist genügend komplex und universell, um diese Binarität weißer Mann/schwarzes Opfer zu überkommen. Wir [Achac] sind einige Forscher, die sich zu diesem Thema äußern können- wir haben vor 15 Jahren mit der Forschungsarbeit begonnen, mit einem einschlägigen Werk „Zoos humains. Au temps des exhibitions humaines“, es ist in mehrere Sprachen übersetzt worden. Eine grundlegende Arbeit, die um eine große Ausstellung erweitert wurde, die ich mit Nanette Snoep und Lilian Thuram im Musée du quai Branly 2011 bis 2012 veranstaltet habe („Exhibitions. L’invention du sauvage“), abgelöst durch Kinofilme wie „Venus Noire“ oder „Man to Man“ , und dutzende Dokumentarfilme. Die Zurschaustellung des „Anderen“ war ein riesiges Phänomen, verheerend, rassistisch und weltweit verbreitet. Zwischen 1810 (die „Venus Hottentotten“) und 1940 (Ende des Phänomens) sind mehr als 1,5 Milliarde Besucher gekommen, um 35.000 Ausgestellte „zu entdecken“. Es war eine weltweite Geschichte, an der Kreuzung zum Kolonialismus, Rassismus und der Darstellungskunst.

„Lasst uns keine Mauern zwischen den Ideen errichten, denn sonst geben wir denjenigen Recht, die Mauern zwischen den Gemeinschaften errichten wollen.”

Die Performance („Exhibit B“) provoziert lebendige Debatten in den schwarzen Communities. Es gibt Protestierende, „Anti-Exhibits“, die die Darstellung als rassistisch verurteilen und einzig Brett Bailey, da ein „Weißer“, das Recht absprechen, ein Kunstwerk zur Geschichte der Schwarzen zu machen. Muss man schwarz sein, um sich dieser Geschichte anzunehmen?

Sich an die Hautfarbe eines Künstlers zu halten ist lächerlich. Das würde ja weiter bedeuten, dass ein Muslim nicht über die Shoah reden oder dass ich, ein Weißer, den Kolonialismus nicht erforschen darf. Dieses Argument ist umso absurder, wenn man bedenkt, dass Brett Bailey ein überzeugter Anti-Rassist ist, der das Leid derjenigen aufzeigen will, die gegen ihren Willen zu Unterhatungsobjekten wurden. Ich möchte auch einmal in Erinnerung rufen, dass in den Menschenzoos in Japan Weiße und fremde Asiaten zur Schau gestellt wurden. Es ist der Dominante, der den Dominierten oder zu Dominierenden ausstellt, und es handelt sich hierbei nicht nur um die Geschichte der Schwarzen und Weißen. Die Indianer waren die meistausgestellte Bevölkerungsgruppe weltweit. Die Geschichte der Menschenzoos ist daher universell. Insgesamt glaube ich, dass das hartnäckige Beharren auf der Identität der Sache nur schaden kann. Die Wirkung einer Forderung ist viel stärker, wenn diese Parallelgesellschaften aufgegeben werden. Man muss aufhören zu denken, dass man schwarz sein muss, um das Sklaventum zu kritisieren oder eine Frau, um Feministin zu sein.

Hier in Frankreich, wo die Regierungen einer nach der anderen sich weigerten, ein großes Museum über die Kolonialgeschichte oder das Sklaventum zu bauen, diese Geschichte einmal aufzubereiten und zu reflektieren, zu betrauern, und die Bilder [des kollektiven Gedächtnisses] zu dekolonisieren, ist es nicht verwunderlich, dass gerade die Ultrakonservativen sich dieser Themen bemächtigen. Indem man die sogenannten Zemmouren*, d .h. die Ultrakonservativen, als auch Menschen aller ethnischen Hintergründe ihre Geschichte Frankreichs erzählen lässt, entsteht ein Krieg des Gedächtnisses. Die Politik trägt dabei eine riesige Verantwortung.

Der Appell gegen Exhibit B besagt dass „die Freiheit des Ausdrucks keine ausreichende Rechtfertigung für die Unterstützung dieser Scheußlichkeiten darstellt“. Ich bin versteinert angesichts dieses Vorgehens gegen den Künstler, der gegen die Apartheid vorgegangen ist und an der Dekonstruktion des Rassismus teilnimmt. Seine Arbeit auf eine „Scheußlichkeit“ zu reduzieren, ohne die Vorstellung überhaupt besucht zu haben, ist so einfach. Viele stimmen diesem Appell zu, andere finden das Projekt bemerkenswert. Es tut wirklich weh, dieser Debatte zuzuschauen. Als ob jeder seine Meinung nur in seiner eigenen „Gemeinde“ kund tun sollte. Nach dem Motto: Die Schwarzen dürfen gegen den Rassismus der Weißen wettern, die Araber gegen die Islamophobie, die Schwulen gegen die Homophobie, die Juden gegen den Antisemitismus, und die Weißen dürfen Reue zeigen…diese Vorgehensweise, auf die Spitze getrieben in Großbritannien beim Verbot von Exhibit B, und in Amerika bei den Protesten der Afroamerikaner gegen den Kinofilm „Django“. Das ist eine besorgniserregende Wende in der Bevölkerung, auf deren Welle die Ultrakonservativen dann „surfen“ können. Im Moment findet ein Rechtsruck der Gemüter in Frankreich statt, auch kann ein einziges Video heutzutage die Gemüter in null Komma Nichts aufstacheln. Da ist es wichtig, wachsam zu bleiben. Viele meiner Freunde und Kollegen- einige kenne ich seit 25 Jahren oder arbeite im engsten Kreis von Achac mit ihnen zusammen – haben die Petition unterschrieben. Auch diese fordere ich auf, wachsam zu bleiben. Denn die Konsequenz dieser Sache ist, dass wir bald einem Afrokaribischen verbieten, die französische Geschichte zu studieren oder einem Muslim, sich für die Schoah zu interessieren. Schreckliche Vorstellung…. Lasst uns keine Mauern zwischen den Ideen errichten, denn sonst geben wir denjenigen Recht, die Mauern zwischen den Gemeinschaften errichten wollen.“

Die ohnehin irritierende Installation ist es umso mehr, da die schwarzen Performancekünstler die weitgehend weißen Besucher in eine voyeuristische Position rücken. Was denken Sie darüber?

Das Problem bei solchen Situationen ist , wie gesagt, dass diejenigen, die sich darüber empören, die Installation nicht einmal gesehen haben. Wenn man die Istallation sieht, wird einem klar, dass das Ziel dahinter ist, die Praktiken der Degradierung und Diskriminierung, von denen mehr als 35.000 „Jahrmarktsmonster“ betroffen waren, öffentlich zu machen. Diese Vergangenheit muss kritisch beleuchtet werden. Warum wird an die Menschenzoos nicht als schreckliche Unmenschlichkeit erinnert, wie an das Sklaventum oder die Shoah? Es gab die Menschenzoos doch überall hier in Frankreich. Das jardin d’acclimatation, zum Beispiel, hat 1877 zwei ethnologische Spektakel organisiert, mit Nubiern und Eskimos. Frankreich hat dieses Geschäft 60 Jahre lang betrieben, bis 1937.

„Das ist keine „Beleidigung“, sondern eine Weise, eine Verbindung zum heutigen Rassismus aufzuzeigen, den Immigranten aus ehemaligen Kolonialstaaten Frankreichs erdulden müssen.“

Denken Sie, dass etwas Schreckliches darzustellen auch eine Möglichkeit ist, diese besser zu dekonstruieren?

Ja, es sit eine Art, die Vergangenheit und ihre Konzepte zu dekonstruieren. Es ist nicht die einzige Möglichkeit, und nicht immer die Beste, aber wie man sieht löst sie Gefühle aus und Debatten und also eine Reaktion. Das ist keine „Beleidigung“, sondern eine Weise, eine Verbindung zum heutigen Rassismus aufzuzeigen, den z.B. Immigranten aus ehemaligen Kolonialstaaten Frankreichs erdulden müssen, und zur „Popularisierung des Rassismus“, die in Europa, Amerika und Japan stattgefunden hat. Es waren nicht nur Schwarze, die ausgestellt wurden, sondern auch Indianer, Araber, Asiaten, Kanaken, Feuerländer, Lappländer, Eskimos, Bretonen, Iren, Galibier, Zwerge und „Jahrmarktsmonster“ aus allen Herren Länder. Es ist der Dominante, der den Dominierten oder zu Dominierenden ausstellt, wie die Japaner die Chinesen und die Koreaner ausstellten und sogar „Weiße“. Es ist eine universelle Geschichte.

Halten Sie es für möglich, dass Brett Baileys Installation die Wanderausstellung „Menschenzoos: Die Erfindung des Wilden“ in Frankreich und Europa begleiten könnte?

Die Schauspieler, die die Besucher mit ihren Blicken auf unangenehme Weise fixieren, schaffen es, die Schäußlichkeiten der Menschenzoos noch einmal niederzuschreiben. Ich bin voller Bewunderung für diese Installation. Die Besucher verlassen sie leer und völlig erschöpft. Man braucht viel Mut dafür. Ich habe mich mit einigen in Poitiers darüber ausgetauscht: diese Menschen sind sehr sensibilisiert für das Thema und die Verachtung ihnen gegenüber ist inakzeptabel. Man sollte wirklich diese Menschen, die die Installation gesehen haben, zum Reden kommen lassen. Ich lade die Ausstellungsorte von Exhibit B zu Konferenzen ein, und Filmvorführungen („Die Schwarze Venus“, „Man to Man“, „Der Elephantenmann“, „Freaks“, „MenschenZoos“, „Boma Tervuren“ u.a.), Gesprächen, pädagogischen Angeboten, und auch dazu, kleinere Ausstellungen wie „Menschenzoos: Die Erfindung des Wilden“ zu zeigen, die dann die Besucher empfangen und in das Thema einführen könnten. Durch die Vernetzung von Wissen, Kunst, Schule und Vereinsarbeit können wir unser kollektives Unwissen über die Menschenzoos überwinden.

Momentan ist es aber nicht unser Ziel, die Installation rüber zu einer unserer Ausstellungsorte zu holen. Denn ich verstehe ja die Schockwirkung dieses Happenings, und die Frustration derjenigen, die das Gefühl haben, mit ihrer Arbeit gegen den Rassismus nicht richtig erhört zu werden. Trotzdem halte ich dagegen, indem ich sage, dass der Verbot einer Vorführung noch nie zu mehr Ideen und Austausch geführt hat.

„Sich mit dieser Vergangenheit auseinanderzusetzen ist komplex und schmerzhaft, aber diese Reise in die Unmenschlichkeit ist notwendig, um die Vergangenheit zu gestalten und soziale Grenzen zu überkommen.“

Ihre Wanderausstellung „Menschenzoos: Die Erfindung des Wilden“ lädt dazu ein, mehr über diese Vergangenheit zu erfahren. Warum arbeiten sie an diesem Thema?

Sich mit dieser Vergangenheit auseinanderzusetzen ist komplex und schmerzhaft, aber diese Reise in die Unmenschlichkeit ist notwendig, um die Vergangenheit zu gestalten und soziale Grenzen zu überkommen. Aus dieser Motivation heraus wird die Ausstellung in allen Ecken der Welt gezeigt, aktuell in Guyane, aber auch in Aix-en-Provence im Camps des Milles. Bis vor einigen Tagen noch war sie im Museum Rouen und in Poitiers, parallel zu Brett Baileys Stück.

Ich als Historiker will meinen Beitrag dazu leisten, dass das Debattieren über die Vergangenheit der Gegenwart dient. Wenn ich etwa das Buch „La France noire“ [„Das schwarze Frankreich“] schreibe, dann schreibe ich über meine, aber auch eine kollektive Geschichte. Wenn ich über „La France arabo-orientale“ [„Das arbaisch-orientalische Frankreich“] schreibe, schreibe ich darüber also als ein Franzose, als ein Erbe der antirassistischen Demonstration von 1983. Davon erzähle ich auch in unserer Ausstellung. Beim Schreiben und Reden über die Menschenzoos weigere ich mich aber, mich auf eine Seite zu schlagen.

* Der französische Ausdruck “Zemmouren” geht zurück auf den französischen Journalisten, Feuilletonisten und Schriftsteller Éric Zemmour, der sich öffentlich für diskriminierende Praktiken gegenüber Arabern und Schwarzen äußerte und dafür wegen Aufstachelung zum Rassenhass zu einer Geldstrafe verurteilt wurde. Er gilt außerdem als schwulen- und frauenfeindlich. Der negativ aufgeladene Begriff “Zemmouren” verweist in Frankreich daher auf nationalistische, rechtsgesinnte und in einem weiteren Sinn auf konservative Menschen.

Das Interview führte Yasmine Azzi-Kohlhepp, Les Éditions du Crieur Public


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