Bananen werden geschmissen, Affenschreie nachgeäfft – der Rassismus kehrt in die Stadien zurück

Affenschreie, geschmissene Bananen, Beleidigungen und das Bespucken farbiger Fußballspieler sind zur Tagesordnung geworden. Das Phänomen ist mittlerweile sogar banalisiert. Daniel Aves, Spieler des FC Barcelona, hat allerdings große internationale Unterstützung erfahren, als er humorvoll auf einen solchen Bananenschmiss reagierte: er aß die Banane ganz einfach auf. Letzten Sonntag hat ein neues rassistisches Vorkommnis die spanische Fußballliga geprägt. Der Senegalese Pape Diop wurde mit Affenschreien vonseiten der Atlético Madrid Fans ausgebuht. Er hat mit einer kleinen Tanzeinlage sehr entspannt darauf reagiert.

Bevor die Banane zu einem anti-rassistischen Symbol gemacht wurde, symbolisierte sie jahrzehntelang den Rassismus. Wie ist das zu erklären? Antworten von Professor Nicolas Bancel, Historiker, Direktor der Forschungsgruppe Grissul, Konrektor der Universität Lausanne, Fakultät der Sozial- und Politikwissenschaften ISSUL, mit Schwerpunkt der französischen Kolonial- und Postkolonialgeschichte, der Geschichte des Sports und der Jugendbewegungen sowie Autor des Buches „MenschenZoos“, im Deutschen erschienen bei Les Éditions du Crieur Public.

Nicolas Bancel

CP: Affenschreie, geschwungene oder geschmissene Bananen, wie sollte man diese Gesten verstehen?

NB: Einerseits wurde die Banane seit Anfang des 19. Jahrhunderts mit Exotik assoziiert; andererseits mit dem Affen. Die ersten Bananenplantagen wurden von den Portugiesen im 16. Jahrhundert angelegt. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurden sie nach Europa importiert, dank der Dampfschiffe, die im Dock Kühle herstellen können. Wie alle anderen exotischen Früchte bis in die 1950er Jahre, symbolisiert die Banane also Exotik. Aber die Banane, früh verbreitet im Afrika der Subsahara, ist schon bei den ersten Überfahrten entdeckt, und mit der Nahrung der Afrikaner, aber auch der der Affen, in Verbindung gebracht worden. Historisch betrachtet produziert die Banane also eine imaginäre Artikulation zwischen dem schwarzen Afrikaner und dem Affen. Dies „trifft sich gut“ – wenn man das so sagen kann – da ja die europäische Anthropologie im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die These der Inferiorität der „schwarzen Rasse“, vertritt, die sie symbolisch nah am Tierreich ansiedelt. Einige urteilte sogar, „der Schwarze“ bilde den sogenannten „missing link“ zwischen Mensch und Tier.

Infolgedessen zeigen zahlreiche Bilder, Filme und Spektakel die Banane in Verbindung mit dem Schwarzen und affirmieren seine Nähe zum Tierreich, zum Affen, und streiten damit seine Zugehörigkeit zu unserer menschlichen Gemeinschaft ab.

CP: Von Josephine Baker mit ihrem legendären Bananengürtel über den Senegalesischen Einzelschützen bis zum „Bananen“-Lächeln, wie ist diese Frucht vom „Symbol“ des Kolonialismus zum „Symbol“ des Rassismus geworden?

NB: Sie ist nicht von einem Ausdruck des Kolonialen zu einem Ausdruck des Rassismus geworden, beide sind seit Anfang des 19. Jahrhunderts artikuliert worden. Die Banane hatte eine tiefe koloniale Konnotation seit Anfang des 19. Jahrhunderts bis zu den Dekolonisationen, u.a. weil die Banane zu den Importgütern aus den Kolonien gehörte (wie jetzt ein Teil dieser Importe aus dem „Konfetti des Imperiums“ kommen, die karibischen Inseln Martinique und Guadeloupe vor allem). Aber die rassistische Konnotation war äußerst präsent während der kolonialen zeit, beide Bedeutungen – die koloniale als auch die rassistische – waren miteinander verbunden. Das Ende des Kolonialismus hat zum Ende der Symbolik der Banane vonseiten eines simplen Rassismus geführt, aber eben eines Rassismus anhand dessen man die Anfänge des Kolonialismus gut nachvollziehen kann. Man kann sagen, dass die Banane zu einem Artefakt des postkolonialen Rassismus  geworden ist.

CP: Warum ist die Banane immer mit der schwarzen Bevölkerung assoziiert worden?

NB: Wegen der oben genannten Gründe: sie kam ursprünglich aus Afrika, stand mit der Nahrung der Schwarzen und der Affen in Verbindung. Der Schwarze ist in der rassistischen Phantasie übrigens immer mit dem Animalischen verknüpft worden, viel mehr als andere „Rassen“, etwa die Araber oder die Asiaten (die unter anderen Stigmata litten). Die Banane animalisiert seitdem unmittelbar die Afrikaner. Sie führt sie zurück auf eine unterlegene Rasse, auf eine Vergangenheit der Herrschaft, der Knechtschaft und der Kolonisation. Das Unausgesprochene bei der Banane ist diese vergangene Last.

CP: Sie sind ja Spezialist der Sport-Geschichte. Warum diese Gesten, eine Banane nach jemandem zu schmeißen oder Affenschreie nachzuäffen? Sind diese einzig im Fußball so präsent?

NB: Gute Frage.

Der Fußball, ist in Europa in der Zwischenkriegszeit zum populärsten Sport avanciert. Dementsprechend ist dieser Sport auch zu einem exekutierenden Ort der nationalen Leidenschaften geworden und der Feindschaften zwischen rivalisierenden Mannschaften (manchmal beides gleichzeitig). Die Gewalt in den Stadien und außerhalb der Stadien datieren also von früher. Die Beleidigungen (rassistische, sexistische) sind Teil des Wort-Arsenals, mit dem eine gegnerische Mannschaft nieder gemacht werden soll. Die Banane ist in diesem Kontext instrumentalisiert worden, um die dunkelhäutigen Spieler der gegnerischen Mannschaft zu demütigen, denke ich. Aber mittlerweile ist zu beobachten, dass die Toleranz für solche Aktionen auf Seiten der offiziellen Instanzen stark im Rückgang ist.

Das Gespräch führte Yasmine Azzi-Kohlhepp, Les Éditions du Crieur Public.

Rom: Beim Empfang mehrerer europäischer Mannschaften isst der Premierminister Italiens, Matteo Renzi, zusammen mit Fußballnationaltrainer Cesare Prandelli ein paar Bananen und statuiert damit ein anti-rassistisches Exempel.

 

Neymar vom FC Barcelona, Brasilianer wie Dani Alves, hat auf Instagram dieses Foto von sich, bananenessend mit seinem Sohn, gepostet.

 

Dani Alves vom FC Barcelona isst eine Banane, mit der ihn ein Fan der gegnerischen Mannschaft beschmiss.


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