„Ich denke noch immer, dass ich ‚auf den Barrikaden’ bin und immer sein werde“

Feministin und Autorin des Crieur Public Luce Irigaray im Gespräch mit Katharina Karcher für das feministische Magazin an.schläge: eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte durch Les Éditions du Crieur Public

 1974 kostete sie die feministische Streitschrift „Speculum. Spiegel des anderen Geschlechts“ Ihren Lehrauftrag an der Universität in Paris. Im akademischen Establishment stieß sie damals auf taube Ohren, aber auch in feministischen Kreisen gilt sie heutzutage als umstritten.

Auf die Frage, wo sie die Brennpunkte von heute sähe, verweist Irigaray auf ihre Erfahrung, dass „die heftigsten Konflikte oft zwischen Gleichen“ stattfänden und sie gerade oft bei Frauen Schwierigkeiten habe, ihrer Philosophie Gehör zu verschaffen. Als Anliegen ihres Kampfes erklärt sie die Einleitung „eines neuen geschichtlichen Zeitalters“, allerdings nicht in Form eines gewaltsamen Anbruches etwa, eines Krieges im Hegelschen Sinne, sondern mittels des Intellekts und der Poesie.

Karcher fragt, wieso Irigaray es für sinnvoll erachte, einen neuen Ort zu erschaffen, an dem Mann und Frau „sich im Respekt gegenüber ihrer Alterität, ihrer Differenz nähern, willkommen heißen, zusammenkommen können“, wie in Irigarays Werken „The Way of Love“ und „Welten teilen“ dargelegt. Vollkommen zurecht möchte Karcher wissen, weshalb man gerade heute, in einer Welt, in der Männer und Frauen in vielerlei Hinsicht getrennt zu sein scheinen, eine Philosophie der Differenz nötig habe.

In der Differenz zwischen Mann und Frau erkenne sie eine universelle Differenz, die man anerkennen müsse, um in einem weiteren Schritt eine respektvolle Beziehung, ein „Zwischen-uns“, der zwei Geschlechter aufzubauen, so Irigaray. Nur wenn man diese Differenz anerkenne und eben nicht verleugne, „in einem gemeinsamen oder neutralen Undifferenzierten [vergesse]“, könnten sich die Geschlechter in ihrer unterschiedlichen Subjektivität begegnen.

Zum besseren Verständnis muss hier angemerkt werden, dass der Kern Irigarays Philosophie darin besteht, den Phallogozentrismus der westlichen Kultur, die u.a. von der Psychologie Freuds stark geprägt wurde, zu unterlaufen. Entgegen Freud, der den Penis als Norm propagiert, sieht Irigaray im weiblichen Geschlecht keinen kastrierten Penis, also keine Unzulänglichkeit, sondern will das weibliche Geschlecht gesellschaftlich aufgewertet sehen. Sie fordert die Würdigung der Komplexität der weiblichen Sexualität, die aus einem vielschichtigen, in zwei „Schamlippen“ eingebetteten weiblichen Geschlecht resultiert. Anstatt das weibliche Geschlecht als „eines“ darzustellen wie das männliche, wünscht sie sich, dass das weibliche Geschlecht nicht auf die einfache Logik der männlich dominierten westlichen Kultur heruntergebrochen und also simplifiziert wird. Von ihrem Barrikadenkampf erhofft sie sich die „Wertschätzung [...] des Unsichtbaren“, also auch der verborgenen weiblichen Geschlechtsorgane, und damit die Bewahrung einer weiblichen Subjektivität und Integrität in einem bisher männlich dominierten Diskurs – ein Blick auf ein weibliches Geschlechtsorgan, das seiner eigenen Logik folgt. Aus diesem Denken rührt der Titel eines ihrer kanonischsten Schriften: „Das Geschlecht, das nicht eins ist“.

Vor diesem Hintergrund ist auch ihre aktuelle Schrift „Das Mysterium Marias“ (erschienen 2010 bei Les Éditions du Crieur Public) zu verstehen. Auf die Frage nach der Motivation dieses Buches, erklärt Irigaray, sie habe damit an „das Bedürfnis Gottes nach der Frau, um seine eigene Schöpfung zu retten“, erinnern wollen.  Auch dieser Publikation liegt ihr Denken zugrunde, dass Frau und Mann ganz unterschiedliche Wesen sind. Zum Beispiel, so Irigaray, fasziniere sie die Tatsache, dass die Geburt eines Mannes (Jesus) durch eine Frau (Maria) möglich sei, der umgekehrte Fall hingegen nicht. Sie nennt die Mutterschaft eines der „Mysterien“ Marias. Ein weiteres Mysterium stelle die Jungfräulichkeit Marias dar, die sie als „Bewahrung einer weiblichen Integrität in einer Welt der Männer“ liest. Den Geschlechtsakt, die Penetration des weiblichen Geschlechts durch den Penis, wie er in der klassischen Ikonographie repräsentiert ist, begreift sie nämlich u.a. in ihrer früheren Schrift „Das Geschlecht, das nicht eins ist“ (1977) als eine Vergewaltigung der weiblichen Identität.

Quelle: Katharina Karcher: „Ich denke noch immer, dass ich ,auf den Barrikaden‘ bin … 
Interview mit Luce Irigaray“, Aus dem Englischen von Angelika Dickmann, in: an.schläge – Das feministische Magazin, Oktober 2012, S.28-30. 


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