„Die Australneger in Berlin“: Ein Beispiel für die Erfindung des Wilden

„Das Buch für Alle“ war eine illustrierte Monats-Zeitschrift „zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann“, die 1866 vom Verleger Hermann Schönlein in Stuttgart ins Leben gerufen wurde. Ab 1889 brachten die Gebrüder Kröner die Zeitschrift unter dem Namen „Schönleins Nachfolger“ heraus. 1890 ging die Zeitschrift in der Union Deutscher Verlagsgesellschaft unter der Leitung Adolf von Kröners auf, wo später u.a. Jugenderzählungen Karl Mays sowie Else Urys „Nesthäkchen“ erschienen.

Der folgende bebilderte Artikel der Ausgabe des Jahres 1885 spiegelt den Rassismus wider, der in Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts grassierte. Die hier erwähnten Aborigines dienen zunächst den Studienzwecken der „Anthropologen“, um in einem weiteren Schritt unter dem Vorwand der Wissenschaftlichkeit eine auf subjektiven Kriterien aufbauende Rassenhierarchie zu etablieren; sich als zivilisiertere „Rasse“ von den Ausländern, den sogenannten „Wilden“, abzugrenzen.

Die häufige Verwendung der Bezeichnung „wild“ ist augenfällig: Es wird von einem „Typus dieser Wilden“ gesprochen, die „wilden Geberden“ dieser beschrieben, und dessen Tanz findet „unter wildem Geheul“ statt.

Gänzlich unreflektiert bleibt vom Journalisten dabei, dass es sich bei den im Panoptikum Berlin ausgestellten Menschen im Grunde genommen um Schauspieler handelt, die „durch Geschenke von Glasperlen und anderem Glitter“ einwilligen, sich in Berlin inszenieren zu lassen. Zwar spricht der Journalist explizit von einem „Scheinangriff“, der von der Gruppe gespielt wird, zieht aus dieser offensichtlichen Künstlichkeit des Auftritts jedoch nicht die Konsequenz, seine Wahrnehmung des Fremden als „Wilden“ infrage zu stellen. In einer normativen Ästhetik befangen, kann er sich stark subjektiver Kriterien bei der Beschreibung der Aborigines bedienen. Er kann voraussetzen, dass der Leser seine Ansichten über das, was „häßlich“ bzw. was schön ist, ohne weiteres teilt: ihre „Gesichtszüge“, heißt es beispielsweise, seien „durchweg häßlich“, ihre Statur „ziemlich schmächtig“. Die deutsche Physiognomie wird als Norm angesehen, an die andere nicht heranreichen.

Es wird also eine simple Dichotomie etabliert: Wir (die Deutschen, Zivilisierten, die Starken) und die anderen (die Aborigines, die Wilden, die Schwachen). Diese Selbst- und Fremdkonstruktion offenbart den Findungsprozess, den das deutsche Kaiserreich vierzehn Jahre nach seiner Gründung 1871 im Zeitalter des Nationalismus noch zu leisten hatte. Wie bei der Ziehung einer geographischen Grenze musste entschieden werden, wer zur Nation gehörte und wer nicht. So wurden beispielsweise auch die Juden im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zunehmend stigmatisiert und als eine andere „Rasse“ gebrandmarkt.

Die Rassenhierarchie diente der Legitimierung der geographischen Expansion des deutschen Kaiserreichs. Die Konstruktion des „Schwarzen“ als eines Wilden rechtfertigte beispielsweise die Eroberung von Kolonien. Unter der Kanzlerschaft Otto von Bismarcks (1871-1890) wurden die meisten Kolonien des Deutschen Kaiserreichs erworben. Durch die Eroberung von Kolonien wurde das Bild einer starken Nation gepflegt und ihr Wohlstand gesteigert: wichtige strategische Stützpunkte wurden gesichert und Ressourcen gewonnen.

Das eingangs erwähnte Panoptikum war ein Wachsfigurenkabinett, in dem Menschen zur Belustigung in Schrecken versetzt wurden. Im Jahr 1885 befand es sich in der Kaisergalerie an der Berliner Friedrichstrasse, Ecke Behrenstraße. Heute steht dort das Westin Grand Berlin.
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Die Australneger in Berlin
(Siehe die 4 Bilder auf Seite 81.)

In Castan’s Panoptikum zu Berlin wird eine Gesellschaft von Australnegern gezeigt, welche das Interesse aller Besucher umsomehr erregt, als jene Ureinwohner des fünften Welttheils gleich den Rothhäuten Amerika’s im Aussterben begriffen sind. Dem Unternehmer, Mr. Cunningham, der im Auftrage des bekannten Barnum diese Neger im nördlichen Queensland durch Geschenke von Glasperlen und anderem Glitter bewogen hat, mit ihm an Bord zu gehen, hat Geheimrath Birchow in Berlin nach eingehender anthropologischer Untersuchung folgendes Urteil ausgestellt: „Die Schwarzen, welche Mr. R. U. Cunningham nach Berlin gebracht hat, sind in jeder Beziehung als typische Exemplare ihrer Rasse, und zwar speziell der Nordstämme von Australien anzusehen. Irgendein Bedenken in Bezug auf ihre Herkunft besteht nicht. Die Aufmerksamkeit der Anthropologen für diese Personen wird daher mit Recht in Anspruch genommen.“ Diese Australneger befinden sich jetzt schon anderthalb Jahre auf Reisen; zwei von den Männern sprechen etwas Englisch, die übrigen nur ihre Muttersprache. Den Typus dieser Wilden lassen unsere 4 Bilder auf S.81 deutlich erkennen. Ihre Statur ist ziemlich schmächtig, der Oberkörper wohlgestaltet, die Arme lang, die Beine auffallend dünn. Die Hautfarbe ist schwarzbraun, der Schädel klein und mit dichtem Haarwuchs bedeckt; die Haare sind jedoch nicht kraus, wie bei den Negern, sondern lang und fein und nur schwach gelockt; die Nase ist breit, der Mund groß und die Lippen sind dick; die kleinen schwarzen Augen liegen tief im Kopfe, was dem Gesichte ein ernstes und düsteres Ansehen gibt. Die Gesichtszüge sind durchweg häßlich; ein halbwegs leidliches Gesicht hat nur die Häuptlingstochter Tagarah (Bild 3), welche etwa 16 oder 18 Jahre alt ist und deshalb noch eine gewisse Frische besitzt. Das zweite in der Gesellschaft befindliche Weib, das etwa am Ausgange der Zwanziger steht, hat schon ein echt hexenartiges Aussehen; die gilt als die Mutter des bei der Gruppe befindlichen Knaben, doch weiß man weder über die Familienverhältnisse, noch über das Alter der Leute etwas Sicheres. Die Männer tragen als Zierath in der durchbohrten Scheidewand der Nase ein Stück Knochen, die Weiber schmücken sich mit Halsbändern, Arm- und Knöchelringen; außerdem kann man auf den Schultern der Weiber und Männer Narbenwulste sehen, welche dadurch hergestellt werden, daß man mit scharfen Steinen tief in die Haut einschneidet und die Wunde mit Thon und anderen Substanzen anfüllt, so daß nach erfolgter Heilung eine erhabene Narbe zurückbleibt. Diese Narben stellen Zeichnungen vor, welche nach dem Geschmacke des Betreffenden entworfen sind, aber auch den Distrikt bezeichnen, dem die tättowirte Person angehört. Nach der Behauptung des Unternehmers sollen die Stämme, denen diese Australneger angehören, dem Kannibalismus huldigen; in Berlin nähren sich die dunkelfarbigen Gäste hauptsächlich von Reis und Fischen, wozu sie große Quantitäten Thee zu sich nehmen, auch kosten sie gern die Leckerbissen aller Art, welche ihnen das Publikum mitzubringen pflegt, mit dem sie in den Pausen zwischen ihren Produktionen ganz gemüthlich verkehren (Bild 2). Diese Produktionen, für welche in der Hasenheide bei Berlin ein besonderer Platz hergerichtet wurde, bestehen zunächst in einem gegen das Publikum gerichteten Scheinangriff (Bild 1), wobei die Männer unter wilden Geberden ihre Waffen schwingen. Letztere sind roh gearbeitet und bestehen aus einer Art Keule, Nulla’h nulla’h genannt, Speer, Schild und dem Bumerang, der höchst merkwürdigen Nationalwaffe der Australier. Der Bumerang ist ein aus hartem Holze, meist aus Baumwurzeln des Eukalyptus gearbeitetes, zu einem stumpfen Winkel gebogenes, etwa zwei Fuß langes und ein bis zu zwei Zoll breites flaches Holzstück, an seinen beiden Enden spitz zulaufend. Er wird als Wurfwaffe benützt, kann bis zu einer Entfernung von 300 bi 800 Fuß geschleudert werden und kehrt dann in einer Kurve wieder zu dem Werfer zurück, wobei sich die Waffe in der Luft fortwährend mit reißender Schnelligkeit um sich selbst dreht. Mit nie fehlender Sicherheit wissen die Eingeborenen mit diesem seltsamen Instrument den Vogel in der Luft und das flüchtige Känguruh zu treffen. Den Schluß ihrer Produktionen bildet der Feuertanz oder Corroboree (Skizze 4). Vor dem Beginn desselben bemalen sie sich jede Rippe mit einem breiten Farbenstreifen, ebenso zieren sie mit Längsstreifen ihre Arme, Beine und Gesichter und tanzen nun so, ihre Bumerangs schwingend, unter wildem Geheul um das flackernde Lagerfeuer. Der groteske Effekt, den dieser originelle Tanz hervorbringt, wird noch vermehrt durch das seltsame Zittern der Beine, denen die Tänzer eine sehr schnell vibrirende Bewegung zu geben im Stande sind.

Quelle: Unbek. Autor: Die Australneger in Berlin. In: Hermann Schönlein (Hg.): Das Buch für Alle, Stuttgart 1885, S.79, S.81.


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